Während der Schlepper sich mit Hilfe einer Sprengpatrone eiligst aus dem Sperrgebiete entfernt, geht »U 95« auf die Suche nach dem Leichter, der in der Zwischenzeit etwas abgetrieben ist. Bald tauchen seine dunklen Umrisse wieder aus der Nacht hervor. Er ist bis obenhin mit Militärgut beladen. Auch er verläßt, ebenso schnell wie der Schlepper vor ihm, die Oberfläche. In der Nacht ereignet sich nichts mehr, und mit östlichem Kurs fährt »U 119« weiter.

Eben rötet sich im Osten der Himmel, als an Steuerbord der weiße Leuchtturm von Homs aus der See auftaucht. Gleich dahinter ragt ein Fabrikschornstein in die klare Luft, das spitze Minare einer Moschee; weiße, glatte Mauern von Araberhäusern und dazwischen an erhöhten Stellen gelbe Regierungsgebäude und Kasernen zeichnen sich ab. Die beiden alten Forts drohen von überragender Stellung hinaus auf See.

Alles scheint drüben in tiefem Schlafe zu liegen. Nichts rührt sich, als »U 119« näher heran kommt. Etwa zwei Seemeilen steht es ab, als vom Turm an die bereits klargemachten Geschütze der Befehl kommt:

»Dreißig Hektometer! Schieber: links, zwozehn! Auf das gelbe Gebäude mit der Funkenstation!«

Im nächsten Augenblick rollt der Donner des Schusses über die fast spiegelglatte See nach Land zu. Bevor sein Dröhnen aber dort vernommen wird, schlagen schon die Granaten mitten in die Kasernen, aus denen gleich darauf in dichten Scharen mehr oder weniger bekleidete Menschen herausstürzen. Und wieder blitzt es auf See auf, dröhnt der Donner, bersten die Granaten. In Fliegerschuppen und Regierungsgebäude fegen sie, schlagen die Marconistation vom Dache und spritzen in die dichten Haufen der planlos in wahnwitziger Angst Umherirrenden. An drei Stellen schon züngeln Flammen empor und wälzt sich schwerer Rauch, als die Italiener sich endlich darauf besinnen, daß in den beiden Forts auch Geschütze stehen. Zwar waren sie bisher gegen die immer näher andrängenden Eingeborenen nach Süden gerichtet, schnell aber werden sie jetzt nach See zu gedreht.

Vierzig Granaten hat »U 119« verfeuert, als drüben der erste Schuß fällt. Was die Italiener an Zeit verloren haben, suchen sie jetzt durch ungeheuerliche Munitionsverschwendung wettzumachen. In unaufhörlicher Folge blitzt es in den Forts auf, heben sich die Wassersäulen der einschlagenden Granaten. Bald haben sie sich eingeschossen. Immer dichter heran, in bedrohliche Nähe des Bootes fegen die Geschosse, bis sich der Kommandant, der seine Aufgabe voll erfüllt sieht, entschließt, zu tauchen und unter Wasser abzulaufen. –


Drei Tage und drei Nächte schon streift »U 119« ostwärts zwischen Kreta und der afrikanischen Küste durch das Mittelländische Meer. Von Tag zu Tag macht sich die Lähmung der feindlichen Schiffahrt fühlbarer. Die in Friedenszeiten und auch noch zu Beginn des Krieges so belebte Handelsstraße, über die Indiens, Chinas und Australiens Güter gingen, liegt öde und vereinsamt. Die Neutralen begannen zuerst mit der zwar bedeutend längeren, dafür aber ungefährlicheren Fahrt um das Kap der guten Hoffnung, die Engländer und Franzosen sind ihnen bald gefolgt. Die reinste Idylle hat sich an Bord entwickelt. Fühlbar heiß brennen die Strahlen der Sonne auf das stählerne Deck. Die Luft im Raum ist, obwohl alle Luken geöffnet sind, tagsüber schon recht unerquicklich, so daß man die kühlere Nacht herbeisehnt. Wenn auch alles ziemlich ungeduldig nach dem Feinde, der sich nicht zeigen will, ausspäht, bietet andererseits wieder die Verödung der Seewege doch manches Gute. Abends hält »U 119« dicht an Land zu, dort, wo es die Tiefenverhältnisse gestatten, und wenige Minuten später tummelt sich fast die ganze Besatzung im Wasser. Bei einigen Leuten, die absolut nicht wieder heraus wollen, bedarf es etwas energischerer Aufforderung von seiten des Kommandanten, nicht loszugondeln, um etwa auf eigene Faust U-Boot-Krieg zu führen. Später dann sitzt alles, nachdem dem Meisterwerk des Schmutje Ehre angetan wurde, an Deck, schmaucht vergnügt seinen Tobak und lauscht andächtig den neuesten Schlagern, über die das Grammophon verfügt. Eine harmlos fröhliche Ausgelassenheit herrscht, als sei nicht Krieg, als könnte nicht im nächsten Augenblick von irgendwoher der Feind auftauchen.

Fast unangenehm glatt liegt am nächsten Tage die See. Wie ein leises, kaum merkbares Atmen geht es über die Oberfläche, die stundenlang noch die Spur des Kielwassers bewahrt. Wundervoll sichtig ist das Wetter, klar und rein die Luft. Nichts zeigt sich. Fern im Süden blinkt wohl hier und da unter den Strahlen der flimmernden Sonne in grellweißem Schimmer die afrikanische Küste mit ihren kahlen Sanddünen auf, sonst aber ist das Bild seit Tagen schon stets das gleiche: das einsame, ruhige, verlassene Mittelmeer.

Wie gestern und vorgestern sonnt sich auch heute wieder alles, was nicht unten im Schiff beschäftigt ist, oben an Deck. Ein Teil der Leute hat mit vieler List ein Plätzchen erobert, das dem Kopf wenigstens einigermaßen Schutz gegen die blendende Lichtflut bietet, andere »kloppen« ihren Skat, spielen eine Partie Sechsundsechzig oder erzählen sich ihre letzten Abenteuer an Land, wobei natürlich die holde Weiblichkeit nicht zu kurz kommt. Aehnlich sieht es auf dem Turm aus. Dort sitzen die Offiziere und besprechen die weiteren Unternehmungen, die »U 119« von Alexandrien nach dem Suezkanal bringen sollen, suchen dann zum hundertsten Male mißmutig und verknurrt die Kimm ab, die immer noch ruhig in ihrem bläulichen Dunste liegt. Und über die Offiziere, die Schlafenden, die Erzählenden und Spielenden hin klingen die lockenden Töne aus dem Zigeunerbaron: »Wer uns getraut, ich sag' es euch, der Dom« ... »Eine Mine!« Schrill gellt der Ruf in den tiefen Frieden hinein, läßt die Schläfer hochfahren, Karten, Bücher und Papiere an Deck fliegen, kein Mensch achtet des Grammophons, das seine Melodien weiterschnurrt, alles hat nur Augen und Sinn für die Mine, die soeben gesichtet ist.