Etwa hundert Meter rechts voraus ragt ein dunkler Buckel vorn über die Oberfläche hinaus. Überall glitzert und flimmert das Wasser, der eine Punkt nur unterbricht die Gleichförmigkeit. Eine Treibmine? Soll sich die etwa von der Nilmündung oder vom Suezkanal losgerissen haben? Vorsichtig nähert sich das Boot dem gefährlichen Gegenstande, der so harmlos aussieht, als berge er nicht hundert Kilogramm Sprengstoff in seinem Innern. Die Gewehre sind an Deck geholt, um die Mine im Ablaufen abzuschießen. Etwa fünfzig Meter noch ist »U 119« ab, als von der Brücke lautes Gelächter und der Ruf ertönt: »Eine Schildkröte!« Eben will alles anlegen, um den ungewohnten Bissen für die Küche zu erobern, als die »Mine« durch das Geräusch der Motoren erwacht und langsam wegsackt.


Gegen Abend verschwinden die tiefen, blauen Farben des Wassers, machen vorerst einer grünlichen, dann hellgelblichen Tönung Platz und gehen schließlich in schmutziges Graubraun über. Die Mündung des Nils macht sich bemerkbar. Ganz in der Ferne, kaum noch wahrnehmbar, steht in den Strahlen der untergehenden Sonne grauer Landdunst.

Es dunkelt bereits. Von Land her kommt der Schein des Blinkfeuers der Ennostoshuck bei Ras et Tin durch die Nacht herüber, mehrere feste Feuer, und darüber, ganz im Hintergrunde, die rötliche Dunstkuppel des beleuchteten Alexandrien. Vorläufig ist nichts zu machen, als die Einfahrt nach ein- und ausfahrenden Schiffen zu beobachten. Die Aufgabe ist nicht leicht, da bei Nacht auf die große Entfernung hin, in der das Boot wegen der in die See vorgelagerten Sände gehalten werden muß, nur schwer Genaues auszumachen ist. Stundenlang pendelt »U 119« vor der Mündung auf und ab. Kein Schiff zeigt sich. Ganz ferne nur, im Norden tauchen für kurze Zeit die Lichter eines Dampfers auf. Er steht aber weit ab und läuft zu hohe Fahrt, als daß es sich lohnte, mit Aussicht auf Erfolg auf ihn Jagd zu machen.

Kaum graut der Morgen, als das Boot taucht, um nicht etwa durch Schiffe, die bisher im Dunkel verborgen waren, überrascht zu werden. Vorsichtig sucht das Sehrohr die ganze Gegend ab. Nach Land zu sind einige Fahrzeuge zu erkennen, in der Nähe aber scheint die See überall so einsam und verlassen, wie in den letzten Tagen. Erst gegen Mittag kommt von Alexandrien her eine starke Rauchwolke auf. Eine halbe Stunde später leuchtet die Bugwelle eines mächtigen, schwarzen Transporters mit zwei Schornsteinen, der mit hoher Fahrt herangebraust kommt, in der Sonne. Im Kielwasser, eine Seemeile ab, folgt sein Geleitschiff, ein Kreuzer der Foxgloveklasse. Er hat wohl etwas später losgeworfen und dampft jetzt zusehends auf. Der Transporter scheint voll beladen mit Menschen. Ueberall, auf den langen Promenadendecks des Dampfers, der anscheinend der Orientlinie angehört, auf Back und Achterdeck wimmelt es von Khakileuten, die wohl dem hoffnungslosen Salonikiunternehmen als neues Kanonenfutter für den Cernabogen dienen sollen.

Vierhundert Meter ist er ab, als die helle Blasenbahn auf ihn zuschießt. Eine Sekunde spiegeln sich im Sehrohr entsetzte Gesichter, deuten ausgestreckte Arme auf das nahende Verderben, stieben graugelbe Gestalten wirr durcheinander und strömt weißer Dampf zum Hilferuf aus der Dampfpfeife am vorderen Schornstein, dann hebt sich an der Vorderkante der Brücke eine mehr als dreißig Meter hohe Sprengwolke. Der eine Schuß genügt. Schwerfällig neigt sich der mehr als achttausend Tonnen große Kasten mit der Nase vorn über und sinkt.

Einige Minuten läuft »U 119« mit eingefahrenem Sehrohr auf den Geleitkreuzer zu, dann wird für den Bruchteil einer Sekunde nur ausgefahren. Eben verläßt der Torpedo das Rohr, als es drüben aufblitzt und das Dröhnen in unmittelbarer Nähe einfallender Granaten erklingt. Mitten hinein der Schlag des am Kreuzer explodierenden Torpedos. Dann tiefe Stille. Eine halbe Stunde später tauchen die Sehrohre schon ziemlich weit ab bis über die Oberfläche heraus. Dort wo der Transporter sank, ist nichts mehr zu sehen als mehrere Schiffsboote, die an der Untergangsstelle liegen und versuchen, aus dem Gewimmel der um sie treibenden Menschen zu retten, was noch lebt. Einige hundert Meter ab liegt bewegungslos der Kreuzer. Die See spült bereits über sein Heck, zusehends sackt er tiefer. Einen Augenblick überlegt der Kommandant, ob er herangehen und dem Engländer einen zweiten Schuß geben soll. Von Alexandrien aber nähern sich in hoher Fahrt mehrere Zerstörer. Bald müssen sie heran sein. Es hieße nur das Boot gefährden, denn für den Kreuzer kommt die Hilfe doch zu spät. An Einbringen ist bei ihm nicht mehr zu denken. –


Ununterbrochen, seit dem frühen Morgen, flammen aus den gelben Dünen, die im Lichte der untergehenden Sonne wie in Blut getaucht scheinen, feurige Blitze auf, spritzen hohe aus Sand und grünlich-giftigen Pulverschwaden gemischte Säulen, rollt der Donner der Geschütze in die Wüste hinein. Seit mehreren Tagen stürmen die Engländer, die vom Kanal aus ihre Bahn längs der Küste bis auf El Arisch vorgetrieben haben, gegen die türkischen Stellungen bei Gaza an. Zweimal und dreimal schon sind sie zurückgeschlagen, ein weites Leichenfeld deckt den Sand, und immer wieder versucht es der Gegner von neuem. Zu Lande und von See aus. Seit Stunden prasselt das Trommelfeuer, heben sich, eine neben der anderen, zur zusammenhängenden Wand anwachsend, die Sand- und Pulverwolken. In letztem, gewaltigstem Ansturm sollen die türkischen Linien durchbrochen und der Weg nach Jerusalem freigemacht werden.

Was an Schiffen in Alexandrien und Port Said verfügbar war, ist herangezogen. Aus sicherer Entfernung, von Land aus nicht erreichbar, heulen die dicken 30,5 Zentimeter-Granaten der schweren Schiffsgeschütze heran, dazwischen die Geschosse der Mittelartillerie. Der letzte Widerstand soll und muß gebrochen werden. Das Trommelfeuer steigert sich zu einem Höllenorkan, der ungeheure Stahlmassen gegen die türkischen Gräben schmettert. Dichte Rauchwolken umlagern die Schiffe, wachsen höher und höher bis an die Mastspitzen hinauf. Noch halten die Verteidiger, wenn auch ihre Gräben halb verschüttet sind, stand. Gegen die Batterien an Land und die Sturmtrupps der Infanterie setzen sie die eigenen Truppen, die immer wieder unter brausendem Allahruf zum Gegenstoß vorstürmen, ein. Gegen die Schiffsgeschütze, die immer größere Lücken reißen, sind sie hilflos.