Hoch über den Schiffen kreist ein Doppeldecker, dessen helle Tragflächen und große Schwimmer sich klar vom dunkelblauen Himmel abheben. Genau verfolgt er die Aufschläge und signalisiert seine Beobachtungen. Eben wendet er sich von Land wieder den Schiffen zu, als er plötzlich über sie hinaus der offenen See zuschießt. In jähem Sturze saust er nach unten, fast bis auf die Oberfläche hinab. Im nächsten Augenblicke tönt das trockene Hämmern und Knattern seines Maschinengewehrs, spritzen seine Geschosse hageldicht in die See. Dann steigt er wieder, kreist über den Schiffen. Wie auf ein Kommando stellen die das Feuern ein. Sekunden später haben sie Fahrt aufgenommen und streben in wilden Zickzackkursen mit äußerster Kraft nach Westen. Ihre Geschütze feuern gegen einen Feind, der nicht zu sehen ist.
Zur rechten Zeit! Aus den englischen Gräben lösen sich die Sturmtrupps, stürmen über den Sand hinweg gegen den Feind, dem ihre Schiffe soeben noch den letzten Rest geben sollen. Die aber sind im kritischsten Augenblick verstummt ... Aus einem rätselhaften Grunde, ganz gegen die Vereinbarung, brausen sie davon, verschwinden aus Schußweite, wo doch alles von ihnen abhängt ...
Die Engländer stutzen, zögern ... reihenweise mähen die türkischen Geschosse sie nieder, türmen neue Leichenhaufen neben und über die alten ... sie fliehen ... hinter ihnen drein stürmt in wuchtigem Stoß die türkische Infanterie: die erste Stellung wird überrannt, die zweite, erst vor der dritten macht sie halt. Einzelne erst, dann ganze Züge, Verbände, bis sich die ganze Masse des englischen Angreifers planlos in hastigem, überstürztem Rückzuge nach Süden zu retten sucht ... in die Wüste ...
Aus der sonnendurchzitterten Oberfläche der See stoßen zwei dünne Rohre empor, ein grauer Turm hebt sich, leicht spült das Wasser über Vor- und Achterschiff. Dann steigt am vorderen Sehrohr von »U 119« die deutsche Kriegsflagge hoch ...
Das brennende Meer
»Wie denken Herr Kapitänleutnant über die Kanone? Wollen wir die nicht mitnehmen?« ruft der Offizier der Sprenggruppe vom Achterdeck des Leylanddampfers zum Kommandanten von »U 187«, das etwa dreißig Meter ab liegt, hinunter. Zu seinem Bedauern klingt es aber zurück: »Lassen Sie das Ding drüben, das Abbauen der alten Schmeißbüchse hält uns zu lange auf.« Der Offizier scheint sein Herz an das kleine Geschütz, auf dessen blankem Rohre sich die Sonne spiegelt, gehängt zu haben. Das Rohr läßt sich leicht lüften, nur das Losschrauben des Pivots würde zeitraubend sein. Sofort gibt er seine Entdeckung weiter, und diesmal hat er Glück. Das kleine Geschütz darf mitgenommen werden, doch fordert der Kommandant gleichzeitig auch einen geeigneten Unterbau. Das ist nicht einfach. Forschend streift der Offizier über das Oberdeck. In der Kombüse endlich findet sich ein Gegenstand, der mit Bordmitteln ohne weiteres zur Lafette umgebaut werden kann: Ein – leider leeres Weinfaß! »U 187« geht vorsichtig unter das Heck des Dampfers. Das Rohr wird herabgefiert, gleich darauf folgt die Lafette. Zwar macht der Kommandant zuerst über diese eigenartige artilleristische Verstärkung ein recht erstauntes Gesicht, er sagt aber nichts, weil er sich, innerlich schmunzelnd, im Geiste bereits ausmalt, auf welche Art die Besatzung den Einbau der Kanone bewerkstelligen wird. Jedenfalls ist die Geschichte ganz neuartig.
Während die Sprengpatronen den Dampfer in die Tiefe befördern, wird schleunigst eine Kommission von Sachverständigen zusammengerufen, die über den Einbau des neuen Geschützes beschließen soll. Bald ist die wichtige Frage, die mit bitterem Ernst behandelt wird, auch praktisch gelöst. Das Weinfaß wird vor allem mit mehreren Stahldrahttauen an Deck so festgezurrt, daß es sich nicht mehr bewegen kann. Ebenso wird das Rohr befestigt. Zwar kann das so entstandene Ding nicht gerade ein Modell für eine Mittelpivotlafette genannt werden, jedenfalls aber hat »U 187« ein Geschütz mit Munition mehr. Die Nummer Zwei des alten Schiffsgeschützes wird Nummer Eins. Nun fehlt nur noch die Gelegenheit, die neue Kanone auszuprobieren; aber auch die läßt nicht lange auf sich warten.
Am frühen Morgen war der englische Leylanddampfer, der eine Unmenge Gefrierfleisch von Argentinien für die englische Armee an Bord gehabt hatte, versenkt worden. Kurz nach Mittag schon taucht, aus dem Bristolkanal kommend, wieder ein Dampfer auf. Unglaublich dreckig sieht der Bursche aus, als er sich in langsamer Fahrt heranschiebt. Der kommt sicher mit Kohlen von Cardiff. Selbst der dicke Kohlenstaub aber kann den Schmutz nicht verdecken, der in breiter werdenden Streifen unter den Ausgüssen bis auf die Wasserlinie hinabführt, nicht den vielen Rost, der rötlich überall auf den einzelnen Platten zutage tritt. Die Decksaufbauten, die vor vielen Jahren vielleicht weiß waren, sind in ihrer Farbe, soweit überhaupt solche zu sehen ist, nicht näher zu bezeichnen. Ein schmutziges Grau, dem der Kohlenstaub ein »marmorartiges« Aussehen verleiht. Ein Engländer würde in solchem Zustande nicht zur See fahren. Selbst für einen Franzosen, der, was Reinlichkeit anbelangt, nicht so heikel ist, scheint der Bursche doch zu dreckig. Es kann sich nur um einen Portugiesen oder um einen Italiener handeln. Diese Herrschaften legen auf Äußeres ebenso wenig Wert, wie auf das eigene Innere. Gleichgültig freilich, welche Nation sich um die Ehre der Zugehörigkeit streiten mag, hier ist Sperrgebiet, es wird kein Federlesens gemacht. Noch ist die Granate des ersten Geschosses nicht drüben eingeschlagen, als auch schon die erbeutete Kanone ein ernstes Wörtchen spricht. Ihre Stimme ist zwar nicht eindringlich, der Geschützführer aber legt volle Ehre mit ihr ein. Seine Granate sitzt mittschiffs, eben über der Wasserlinie. Der Erfolg ist zauberhaft. Der Dampfer stoppt sofort. Das Geschoß muß einen Kessel getroffen haben. Weißer Dampf quillt unter dem Aufbau hoch. Ein Boot wird zu Wasser gefiert, kaum ein halbes Dutzend Männer hockt darin, die Mühe haben, das gebrechliche kleine Fahrzeug in der hohen Dünung vor dem gefährlichen Zusammenschlagen mit der Bordwand zu bewahren.
Eine Weile sieht der Kommandant von »U 187« ruhig zu, bis oben an Deck lebhaft gestikulierende Kerle herumtanzen und keine Anstalten machen, das Schiff zu verlassen. Endlich, nachdem seine Geduld erschöpft ist, gibt er Befehl, zwei weitere Granaten herüber zu schicken. Beide schlagen im Vorschiff ein. Ein wenig Erfolg ist bereits zu bemerken. Drei Kerle lassen sich an den Bootsläufern hinunter, und das Boot setzt ab. Immer noch aber ist mehr als die Hälfte der Besatzung an Bord. Bis zu dem in Lee stehenden Boot dringt ihr Gebrüll herüber.
»Herr Kapitänleitnant!« läßt sich plötzlich der Rudergänger, der kopfschüttelnd den Vorgang ansieht, vernehmen. »Ich glaube, die Laite sind wasserschai! Die hob'n Angst vorm Versaufen!«