Es scheint tatsächlich so. »U 187« kreist vorsichtig um den Dampfer herum, um festzustellen, ob kein verborgenes Geschütz an Deck steht. Dann, nachdem Name und Heimatshafen, »Nostra Signora di Torre Marino, Messina« erkannt sind, geht er längsseit.
In recht klarem Fortissimo wird die schlappe Bande aufgefordert, das zweite Boot zu Wasser zu lassen. Ein wüstes Durcheinanderschnattern folgt, aus dem auch nicht ein Wort zu verstehen ist. So viel nur wird klar, daß die Gesellschaft nicht etwa Widerspenstigkeit beabsichtigt; sie haben einfach Angst! Wer weiß, wo der italienische Kapitän diese Mannschaft shanghait hat. Erst als die Leute sehen, daß die Deutschen keinen Spaß verstehen, und die Geschütze abermals geladen werden, bequemen sie sich, das zweite Boot zu Wasser zu lassen. Freilich dauert es fast eine halbe Stunde, bis es so weit ist, und die Italiener, mehr oder weniger durchnäßt, von ihrem Schiffe abstoßen. Nach zehn Schüssen, die über der Wasserlinie aufschlagen, ist Italien um dreitausend Tonnen Kohle ärmer.
Die beiden nächsten Tage bringen nur einen dicken Dampfer, der aber eine für England gerade jetzt so wertvolle Ladung enthält: Schmalz, Salzfleisch und Cornedbeef von Armour aus Chicago. Ein Bedauern nur herrscht, als sich der Engländer mit der Nase voraus empfiehlt, daß das Schiff nicht als Prise eingebracht werden kann. –
Das Wetter ist ruhiger geworden. Der Nordwestwind, der die letzte Zeit wehte, ist bis auf Stärke zwei abgeflaut und schließlich gegen Abend ganz eingeschlafen. Blutrot setzt die Sonne im Westen auf, wie flüssiges Gold spiegeln sich ihre Strahlen auf der glatten See. Die Nacht bricht an. In voller Klarheit schimmern die Sterne, wie ein leichter bläulichheller Schein liegt es über dem Wasser.
Im Südwesten schiebt sich kurz nach Mitternacht ein dunkler Schatten heran. Ein Schiff! Es fährt abgeblendet, so daß die Umrisse nur eben noch zu erkennen sind. Ein Tankdampfer von mindestens achttausend Tonnen, ein stattlicher Bursche, der mindestens zwölftausend Tonnen Heizöl schleppt. Er ist anscheinend völlig ahnungslos, kann von dem kaum über das Wasser tauchenden kleinen U-Boote in der tiefen Dunkelheit nichts sehen. Er ist sicherlich bewaffnet, bis die Kanoniere aber das kleine Ziel finden, hat das Schiff mindestens schon zehn Granaten im Leibe.
Zwei grelle Blitze zerreißen die tiefe Dunkelheit, weitere folgen Schlag auf Schlag. An der hohen Bordwand leuchtet Feuerschein auf, dann fegen ein paar Granaten in das Achterdeck, wo das Geschütz stehen muß.
Mitten aus dem Schiff heraus dringt gelblichroter Flammenschein, längs der Bordwand schießt ein Feuerstrom herab, breitet sich aus, fließt achteraus von dem noch in Fahrt befindlichen Dampfer. Mit unheimlicher Schnelligkeit wächst er, wird zum See, zu einem wogenden, rauschenden Flammenmeer. Um das Achterschiff züngelt es, leckt gierig längs des gestoppten Schiffes, nach vorn .... dann steht der ganze Dampfer in flammender Lohe. Das Meer brennt ... Es zischt und saust, das Deck birst in der furchtbaren Glut auseinander, eine schwere, schwarze Wolke treibt nach der französischen Küste zu ....
Fast vier Wochen schon ist »U 187« in See. Alle Torpedos bis auf einen sind verschossen, der Vorrat an Heizöl und Proviant geht zur Neige. Es wird Zeit, an die Heimkehr zu denken. Der Weg um Schottland ist noch weit und nicht ganz einfach. Wenn hier auch weder Netze noch Minen drohen, so sind doch zahlreiche Kriegsschiffe und Bewachungsfahrzeuge auf der Streife, die allerlei unliebsame Zwischenfälle herbeiführen können. Der Morgen graut. Stundenlang noch leuchtete achteraus der Feuerschein des brennenden Tankdampfers, bis er allmählich unter der Kimm verschwand. Mit nördlichem Kurs holt »U 187« um die Südwestecke Irlands herum; wie greifende Finger tauchen die in die See vorspringenden Halbinseln des Landes auf, kleine Inseln, zum Teil mit Leuchttürmen, liegen vor ihnen. In weiter Ferne kommt ein mit hoher Fahrt nach Süden laufender Panzerkreuzer der »Cressy«-Klasse in Sicht. Verlockend leuchten seine vier Schornsteine zwischen den Pfahlmasten herüber. Es ist ganz ausgeschlossen, an ihn heranzukommen. Der eine noch übrige Torpedo muß auf günstigere Gelegenheit warten. An Steuerbord taucht nachts noch eben über der Kimm ein Feuer an der Nordwestecke Irlands auf, dann heißt es die Anmarschstraße zum Nordkanal zwischen Irland und Schottland zu durchqueren. So scharf und aufmerksam die Augen auch das Dunkel zu durchdringen suchen, nichts zeigt sich. Weit in der Ferne nur leuchtet es mehreremal in kurzen fahlen Blitzen herüber. Es ist nicht zu erkennen, ob dort ein Kreuzer mit seinen Scheinwerfern die See absucht, oder ob es sich um Wetterleuchten handelt.
Am Mittag des nächsten Tages tauchen voraus die dunklen Felsen von St. Kilda auf. In blendender Weiße schimmert zuhöchst der Leuchtturm herunter, dessen Feuer nachts weit in die See hinausstrahlt. Etwa fünfundzwanzig Seemeilen östlich der Insel stehen drei Fischdampfer ziemlich dicht beieinander. Mit langsamer Fahrt ziehen sie ihre Netze hinter sich her. Ab und zu stößt eine dicke Rauchwolke aus Schornsteinen, Mannschaften eilen über Deck, straffgespannt stehen die Stahlleinen der Schleppnetze seitwärts achteraus ....
Der nächststehende Dampfer stoppt. Der Kapitän steigt aus dem Ruderhaus an Deck. In der klaren sichtigen Luft ist deutlich zu erkennen, wie ein Mann die Dampfwinde anläßt. Das Netz wird längsseit geholt, die Scherbretter an Deck genommen, der Beutel hochgeheißt, bis er mitten über dem Verdeck steht. Dann entleert sich mit einem Schlage der in der Sonne silbernblinkende Fang. Die beiden anderen Fischer ziehen inzwischen gleichmäßig weiter vor ihren Netzen her.