Fünf der großen Trampdampfer liegen bereits vor der Einfahrt unter Dampf, als der sechste seine Ladeluken schließt, vom Kai ablegt und den Hafen verläßt. Hintereinander setzen sich die Schiffe in Bewegung. Außerhalb der Dreimeilengrenze warten bereits zwei kleine englische Hilfskreuzer, ehemalige schnellaufende Kanaldampfer, auf ihre Schutzbefohlenen. Der Geleitzug wird gebildet. Unendlich schwierig ist es, auf hundert Dinge muß Rücksicht genommen werden. Die Geschwindigkeit des ganzen Konvoi muß sich nach der des langsamsten Fahrzeuges richten, nicht zu dicht dürfen die Schiffe hintereinander folgen, um Rammen zu vermeiden. Der Zwischenraum darf aber auch nicht zu groß werden, damit die Geleitschiffe sie wirksam zu schützen vermögen. Geht schon durch die Verschiedenheit der Fahrzeuge geraume Zeit verloren, bis sie fahrbereit sind, dann steigert der Marsch selbst die Schwierigkeiten. Die Anhäufung so vieler Schiffe erregt durch die große Zahl der Rauchwolken schon auf weite Entfernung die Aufmerksamkeit der U-Boote. Es gibt aber keine Wahl. England verfügt nicht über die genügende Anzahl von Geschützen, um alle Dampfer bewaffnen zu können, selbst wenn das mit Hilfe Amerikas durchzuführen wäre, fehlen doch die Leute zur Bedienung.

Die Nacht bricht herein, tiefe Dunkelheit senkt sich über die See, schwarze Wolken verhüllen den Himmel. Ein Licht glimmt auf, ein zweites, drei, sechs. Die Gefahr des Rammens wächst in der dunklen Nacht. Die Abstände zwischen den Schiffen müssen vergrößert werden, sie dürfen sich aber nicht verlieren. Das einzige Mittel ist ein Licht am Heck, um dem Hintermann den Standort anzuzeigen. So schwach der Schein der Laternen auch ist, er dringt weit über See und verrät dem spähenden U-Bootsmann das Nahen des Gegners.

Seit einer Stunde hat »U 145« die Lichter des Konvois, der, von Bilbao kommend, kostbare Erzladung an Bord haben muß, in Sicht. Vorläufig ist nichts zu machen. Die Geleitschiffe sausen völlig abgeblendet in unregelmäßigen Kursen um die ihnen anvertrauten Dampfer herum, bereit, den nahenden Feind mit ihrem Schnellfeuer zu überschütten. In sicherem Abstande gleitet das Tauchboot voraus. Erst der grauende Morgen soll den Angriff bringen. Deutlich ist die Zahl der einzelnen Schiffe zu erkennen: Sechs Erzdampfer, dazu mehrere abgeblendete Geleitkreuzer.

Es dämmert. Noch steht die Sonne unter der Kimm, im Zenith aber färbt sich der Himmel heller, und graufahles Licht läßt alle Einzelheiten auf See erkennen. Hintereinander stampfen die sechs tiefbeladenen Fahrzeuge in der Dünung weiter, zu beiden Seiten querab stehen zwei Hilfskreuzer.

»Backbord Rohr klar! – Los!« Kaum zwei Minuten später klingt die Detonation an das U-Boot, das sofort nach dem Schusse eingefahren hat und abgelaufen ist, heran. Kann doch die Blasenbahn nur zu leicht dem nächststehenden Kreuzer den Standort verraten. Eine Weile bleibt »U 145« getaucht, dann stößt vorsichtig, den Bruchteil einer Sekunde nur, das Sehrohr über die Oberfläche. Die beiden Kreuzer jagen mit äußerster Kraft durch die See, bald hier, bald dort, wo immer die aufgeregte Phantasie der Leute ein Sehrohr zu bemerken vermeint, schlagen die Granaten ein. Der angeschossene Dampfer liegt bereits bis zur Brücke im Wasser, jeden Augenblick muß er wegsacken. Seine fünf Gefährten haben gestoppt. Sie sind anscheinend ratlos und warten auf Befehl von den Kreuzern.

Eben schätzt der Kommandant die Entfernung für den zweiten Schuß, als an der abgekehrten Seite des vorletzten Dampfers sich eine riesige Wassersäule hebt. Im gleichen Augenblick stieben die vier noch übrigen Schiffe panikartig auseinander. Während zwei in Zickzackkursen nordwärts flüchten, brechen die beiden anderen nach Steuerbord aus, wo »U 145« liegt. Leider bleiben sie so weit ab, daß ein sicherer Schuß nicht möglich ist. Trotzdem soll er versucht werden. Eine geraume Weile vergeht, schon hat alles die Hoffnung aufgegeben, als nach drei Minuten, wie aus weiter Ferne, schwaches Explosionsgeräusch herandringt.

Der Schlag von Schiffsschrauben ist nicht zu hören, also: höhergehen! ausfahren! Der Konvoi sieht böse zerzaust aus. Noch immer rasen die beiden Kreuzer ihre Zickzackkurse. Ein stark beschädigter Dampfer treibt noch, an zwei weit auseinanderliegenden Stellen, wo die beiden Dampfer untergegangen sind, schwimmen mehrere Boote. Die drei übriggebliebenen Erzdampfer kommen soeben aus Sicht.

Noch überlegt der Kommandant, woher die Explosion auf dem zweiten gesunkenen Schiff herrührt, als die beiden Kreuzer plötzlich auf eine Stelle an Backbord zuschießen und ein rasendes Schnellfeuer dahin richten. Dort muß ein U-Boot stehen, dessen Torpedo sich gleichfalls ein Opfer aus dem Geleitzug herausholte. Eine günstigere Gelegenheit, einen dritten Torpedo auf eines der englischen Kriegsfahrzeuge, die sich im Sperrgebiet so selten zeigen, loszuwerden, findet sich sobald nicht wieder. Mit äußerster Kraft prescht »U 145« heran. Auf fünfzehnhundert Meter gleitet der Torpedo aus dem Rohr. Zwei Minuten verstreichen ... fünf ... sieben ... keine Detonation ... nur Schraubengeräusch, das mehr und mehr erstirbt, bis es schließlich gänzlich verklingt .... Durch das ausgefahrene Sehrohr spiegelt sich das Bild der beiden englischen Hilfskreuzer, die mit großer Fahrt ausrücken. Wenn auch der Schuß nicht traf, die Blasenbahn verriet ihnen einen zweiten Gegner, das war zuviel.

»Ausblasen!« Turm, Vor- und Achterdeck tauchen hoch. Eben als das Turmluk sich öffnet, taucht, eine Seemeile ab, ein Sehrohr auf. Deutlich hebt es sich im hellen Licht der Morgensonne vom dunkelblauen Wasser ab ... Die Lage ist kritisch ... Freund oder Feind? ... Dann ... eine Kuppel ... der Turm ... die Nase des Vorschiffes ... Zehn Minuten später fahren »U 145« und »U 103« nebeneinander in den anbrechenden Morgen hinein ....