Während der Kommandant noch in den Schiffspapieren blättert, segelt das erste Boot, ohne um Erlaubnis zu fragen, bereits ab. Ein Schreien und Schimpfen erhebt sich drüben, ein kurzes Handgemenge, dann springt ein Mann der Besatzung über Bord. Die Engländer suchen ihn mit Bootshaken und Riemen heranzuziehen, er will aber nicht. Während das Boot in den Wind schießt, stößt der Schwimmer gewaltig aus, um die Entfernung zwischen sich und dem Fahrzeuge noch zu vergrößern. Ab und zu hebt er sich aus dem Wasser und ruft; was er will, ist nicht zu verstehen, da der Wind den Schall verweht. Jedenfalls aber muß mit dem Kerl dort etwas Besonderes los sein.

Eben will der Kommandant den Befehl geben, dem Schwimmer entgegen zu fahren, als vom Vorschiff gerufen wird: »Der Mann schreit Hilfe!«

Hilfe? Ein deutscher Ruf? Einige Minuten später wird der ziemlich Erschöpfte an Bord des U-Bootes, das ihm entgegengefahren ist, gezogen und zum Kommandanten geführt. Trotz der triefenden Kleider, aus denen das Wasser unaufhörlich an Deck leckt, nimmt er militärische Haltung ein und meldet: »Obermatrose d. R. Ahlers meldet sich an Bord«. Schallendes Gelächter. Die Geschichte ist wirklich komisch. Eine Weile dauert es, bis der Kommandant sich gefaßt hat.

»Nanu, Mensch, wo kommen Sie denn her?«

»Aus dem Gefangenenlager von Singapore, Herr Kapitänleutnant!«

»Na, das scheint ja eine lange Geschichte zu sein. Nu mal erst unter Deck und anderes Zeug anziehen. Gebt ihm 'n ordentlichen Schluck aus der Buddel.«

Verständnisinnig nimmt der Bursche des Kommandanten den »Überetatsmäßigen« mit hinunter, um ihn mit allem Nötigen zu versehen.

Die Engländer werden bis auf den Kapitän und die Geschützbedienung freigelassen. Der Obermatrose Ahlers, der sich in seinem trockenen Zeug rasch von der kurzen Schwimmpartie erholt hat, muß auf den Turm kommen und dort erzählen. Er war Zweiter Offizier auf einem kleinen Lloyddampfer, der als Küstenfahrer zwischen Singapore und den Sundainseln verkehrte. Kurz nach Ausbruch des Krieges lief sein Schiff, dessen Besatzung keine Ahnung von den inzwischen eingetretenen Ereignissen hatte, in Singapore ein. Sofort nachdem es festgemacht hatte, kam die Mannschaft eines englischen Kreuzers an Bord und holte die deutschen Offiziere herunter, um sie nach einem in der Nähe der Stadt gelegenen Gefangenenlager zu bringen. Lange Monate hatte Ahlers mit zahlreichen Leidensgenossen dort zugebracht, bis es ihm und einem Freunde glückte, eines Nachts die Wachsamkeit der Engländer zu täuschen und zu fliehen. In einem kleinen, am Strande gelegenen Eingeborenendorf bemächtigten sie sich eines Fischerbootes, um die Malakkastraße zu überqueren und sich nach Sumatra auf holländisches Gebiet in Sicherheit zu bringen. Anfangs ging auch alles ganz gut. Mitten in der Straße aber schlief der Wind gänzlich ein, und die starke Strömung vereitelte jeden Versuch, durch Rudern weiterzukommen. Drei Tage und drei Nächte trieben sie in dem offenen Boot umher. Wasser hatten sie nur einen kleinen Blechtinn mitnehmen können. Die Sonne schien mit mörderlicher Glut senkrecht von oben herab. Gegen Mittag des dritten Tages starb sein Freund an einem Sonnenstich. Wie der nächste Tag vergangen, wußte er selbst nicht mehr, er war völlig teilnahmlos geworden. Zwanzig Stunden später kam der P. u. O. Dampfer heran und nahm ihn auf. Er war bald erkannt, da einer der englischen Passagiere aus Singapore stammte und öfters mit ihm gefahren war. So wurde er also eingeschlossen und sollte als Gefangener in England abgeliefert werden. Im Augenblick des Unterganges war er ruhig mit ins Boot gegangen; eine Gelegenheit mußte sich bieten, die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich zu ziehen. Er erzählt ganz schlicht und einfach, tut mit wenigen Worten die ganze Geschichte ab. Und ist doch ein ganzer Roman von glühender Heimatliebe und deutschem Wagemute. Schnell findet er sich in das Leben an Bord des U-Bootes, am nächsten Tage geht er schon seine Wache. –

Der Konvoi

Aus den Erzgruben Nordspaniens rollen Tag und Nacht die schwerbeladenen Züge nach Bilbao. Auf den Ladebrücken direkt vor den Dampfern halten sie. Die Waggons werden abgekuppelt und einzelne gehoben. Im nächsten Augenblick poltert ihr gewichtiger Inhalt durch die Ladeluks in das Schiffsinnere. Mehr als dreißig Züge, bis an die tausend Waggons verschluckt ein einziger der großen Dampfer, von denen seit Ausbruch des Krieges ein immer mehr steigendes Kommen und Gehen ist. Kaum haben sie ihre Kohlenladung gelöscht, als auch schon das Erz den Platz einnimmt. Hunderttausende von Tonnen jeden Monat. Ein gewaltiges Geschäft für die Besitzer der spanischen Gruben, die ihren Betrieb vervielfachen mußten, um den britischen Anforderungen genügen zu können. Der Krieg hat den Verbrauch von Stahl ins Ungeheure gesteigert. Wo immer Eisenerze zu haben waren, trat England als Käufer auf. Die eigenen Erze sind zu arm, die Tausende von Munitionsfabriken verschlingen immer mehr Rohmaterial. Bleibt die Zufuhr aus, dann ist auch der Krieg für England verloren; kein Wunder, wenn die britische Admiralität mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln trachtet, diese so wichtigen Transporte sicher von Hafen zu Hafen zu geleiten.