Der Kommandant und einige Leute klettern hinüber. Die Begrüßung ist so herzlich, wie sie unter Kameraden, die draußen in See allein am Feinde stehen, nur sein kann. Die letzten Erfahrungen werden ausgetauscht, jeder berichtet, was es in der letzten Zeit an Interessantem gab. Der Kommandant von »U 103« ist erst vor drei Tagen hier angekommen. Außer zwei kleinen Seglern hat er heute morgen einen Dampfer versenkt, der Hafer für die englische Armee geladen hatte und von Rosario in Argentinien nach Le Havre bestimmt war. Kurz vor dem Anschlagen der Sprengpatronen entdeckte die Sprenggruppe auf dem von der Besatzung bereits verlassenen Fahrzeuge die beiden fröhlich grunzenden Borstentiere, die keinen Sinn für den Ernst der Lage zu haben schienen; und da es zu schade war, die armen Tiere ungegessen in die Tiefe gehen zu lassen, wurden sie an Bord genommen.

Bedeutend mehr weiß der Kommandant von »U 145« zu berichten. Mit einer stummen Bewegung nach drei Leuten, die ruhig und vergnügt auf dem Achterdeck seines Bootes stehen und behaglich ihre Pfeife schmauchen, deutend, sagt er: »Sehen Sie sich mal diese harmlosen drei Burschen dort an, die hätten uns um ein Haar das Lebenslicht ausgeblasen. Vor fünf Tagen stand ich zwanzig Seemeilen östlich Quessant, als ich einen großen Schlepper – der alte Bursche dort, der sich eben die Pfeife anzündet, führte ihn – durch einen Schuß anhielt. Der Kasten sah gänzlich harmlos aus, Geschütze hatte er nicht, und auch sonst war nichts Verdächtiges an ihm zu bemerken. Bis auf fünfzig Meter waren wir herangegangen, als der Kerl plötzlich mit Hartruder auf uns zudreht. Wir mit A. K. rückwärts, auf Strohhalmbreite schrammte er an uns längs. Dann wollte er auskneifen. Na, er kam nicht weit, wie Sie sich denken können. Gleich beim ersten Schuß flog ihm der Schornstein über Bord, der nächste riß ihm ein ganzes Stück aus dem Heck, und der dritte gab ihm den Rest. Zwei von seinen Kerls waren bei der Geschichte draufgegangen. Heizer und Maschinist, die mächtig herumwinselten und über ihren Kapitän mordsmäßig fluchten, habe ich an Land geschickt, den Burschen selbst werde ich zu Hause abliefern.

Die beiden Tommys haben mir auch ordentlich zu schaffen gemacht. Die sind schon seit vierzehn Tagen bei mir und haben sich ganz gut eingelebt. Sie müßten mal sehen, wie die Kerls springen, wenn getaucht werden soll, wie die Wiesel. Nächstens kann ich sie rollenmäßig anstellen. Sie waren auf einem dicken Elder Demster Dampfer, der mit voller Ladung vom Kap kam, und schossen aus ihrem Geschütz, bevor wir noch überhaupt recht aufgetaucht waren. Eine Stunde haben wir uns mit dem Kasten, der natürlich, sobald er einsah, daß er uns unterlegen war, haste was kannste ausbüxte, herumgeschlagen, dann endlich gab er klein bei. Schön sah es beim ihm an Deck ja nicht aus. Den Kapitän wollte ich auch mitnehmen, der hatte aber einen schweren Granattreffer abbekommen. Seine Leute haben ihn mit an Land genommen. In diesem Kriege fährt er sicher nicht mehr zur See. Sonst aber haben wir bis heute Glück gehabt. Na, und jetzt der unverhoffte Schweinebraten!«

Der Koch, der bereits einige Male den Versuch gemacht hat, mit dem F. T. Filet an Deck zu erscheinen, hat wohl nur auf dieses Wort gewartet. Eine Stunde später trennen sich die beiden Boote unter fröhlichem »Auf Wiedersehen!« –

Zwei Tage später steht »U 145« südlich von Belle Ile, um die Loiremündung nach ein- und auslaufenden Schiffen zu beaufsichtigen. Gegen zehn Uhr vormittags tauchen am östlichen Horizont zwei Segler auf, die aber nicht weiter kommen. Sie kreuzen in kurzen Schlägen auf und ab und warten anscheinend auf irgend etwas. U-Bootsfallen? »Na, die können ja lange warten, bis wir ihnen den Gefallen tun«, murmelt der Wachoffizier, der die Fahrzeuge, die sich so eigentümlich benehmen, beobachtet, vor sich hin. Nach einer Weile gleiten aus der Loiremündung zwei weitere Segler heraus. Dicht hinter ihnen taucht eine Rauchwolke auf, die sich den vier dicht beieinander stehenden Schiffen nähert. Als hätten die nur darauf gewartet, so setzen sie sich jetzt unverzüglich mit Westkurs in Bewegung. Das Rätsel ist gelöst: ein Konvoi! Der Dampfer, ein ehemaliger Trawler, hält zuerst weit voraus die Spitze, während die vier Segler, in ungefähr hundert Meter Abstand, voneinander folgen. Es sind die typischen französischen Raschoner, die zu normalen Zeiten bei Island oder Neufundland fischten. Fahrzeuge von drei- bis vierhundert Tonnen, die jetzt bei dem großen Mangel an Schiffsraum dem Frachtverkehr zwischen England und Frankreich dienen müssen. Dem Geleitschiff erscheint die See voraus unverdächtig. Es stoppt, läßt die Segler aufkommen und hält sich an ihrer Leeseite. Der Zug kommt näher heran. Deutlich ist auf der Back des Fischdampfers ein Schnellfeuergeschütz zu sehen, zwei Revolverkanonen stehen am Heck.

Dreitausend Meter vor ihm taucht »U 145« auf und überschüttet ihn mit einem Hagel von Granaten. Bevor die Segler noch begriffen haben, was anliegt und die Franzosen auf dem Trawler die geringsten Anstalten zur Gegenwehr machen können, sinkt ihr Fahrzeug weg. Wie eine Herde von Schafen, in deren Hürde der Wolf einbricht, versuchen jetzt die Segler davonzulaufen. Mit ihnen hat das U-Boot leichtes Spiel. Dem ersten saust eine Granate in die Takelage, daß die Segel des Vordermastes brennend über das Deck hinstürzen, der zweite teilt sein Schicksal. Ihm geht mit einem Stück des Vorschiffes der Klüverbaum davon. Nun ergeben sich auch die beiden anderen in ihr Schicksal und werfen die Segel herunter. Eine Viertelstunde später rudern in drei heilgebliebenen Booten die Besatzungen der vier versenkten Raschoner mit den beiden Überlebenden des Geleitschiffes nach der französischen Küste.

Am Nachmittag und im Laufe des nächsten Tages zeigt sich in dieser Gegend nichts mehr. Die Versenkung der fünf Schiffe ist von Belle Ile aus wohl beobachtet, die Schiffahrt ist gewarnt worden. So geht »U 145« wieder nach dem Westeingang des Kanals. Dort soll versucht werden, feindliche Schiffe, die glauben, ungestraft das Sperrgebiet passieren zu können, eines Besseren zu belehren.

Hundertfünfzig Seemeilen östlich der Scillyinseln kommt ein großer, schwarzer Dampfer, dessen Schornstein kein Reedereiabzeichen trägt, mit hoher Fahrt über die Kimm herauf. Den Umrissen nach kann es sich nur um einen Dampfer der P. u. O. Linie handeln, der dem Verkehr mit Ostasien dient. Er ist schwer geladen und sicher bewaffnet. Ein Artilleriegefecht mit dem schnellaufenden Schiff ist eine zu gewagte Sache. Selbst wenn er einige gutsitzende Treffer abbekommt, kann er noch immer mit seiner überlegenen Geschwindigkeit glatt davonlaufen. Das große Schiff mit seiner wertvollen Ladung, die sicher in die Millionen geht, verlohnt überdies schon einen Torpedo.

Der Engländer scheint sich ziemlich sicher zu fühlen, da er seinen Kurs durchhält und nicht, wie es sonst in dieser Gegend doch üblich ist, Zeit mit Zickzackfahren verlieren will.

Auf Sekunden stößt das Sehrohr des an die Fahrtrichtung anlaufenden Bootes über die Oberfläche, Dann wiederholt sich das wohlbekannte Schauspiel: die hohe Sprengwolke, die einströmende See, das Überlegen des riesigen Kastens, der sicherlich über zehntausend Tonnen hat, und schließlich das Versinken. In kaum einer halben Stunde ist alles vorüber. Die Besatzung ist in ihre Boote geklettert und liegt in der Nähe gestoppt, um die schwerfälligen eisernen Tröge vorerst zum Segeln klarzumachen. Keine leichte Arbeit bei dem unglaublichen Zustande, in dem sich das Inventar der Boote befindet. »U 145« umkreist die Engländer und läßt das Boot, in dem sich der Kapitän mit den Schiffspapieren befindet, herankommen. Ein fetter Bissen! Stückgut, Reis aus Rangoon, Tee aus Colombo, Häute – zweihundertfünfzig chinesische Kulis zur Bestellung der englischen Felder, die seit der plötzlichen Sperrgebietserklärung Deutschlands eine recht wichtige Rolle spielen. Ob die armen gelben Kerle, die wie ein Häufchen Unglück fröstelnd in ihrem Nankingzeug auf den Duchten hocken und allmählich einzusehen scheinen, daß es mit dem glänzenden Angebot doch ein böser Reinfall war, die englische Landwirtschaft auf die Beine bringen werden? Es sieht nicht gerade danach aus.