Seit Stunden schon fuhr die »Cymric« einen Kurs, der dem eines flüchtigen Hasen weit mehr ähnelte, als der stolzen Fahrt eines britischen Transatlanters. Die Boote waren ausgeschwungen, Schwimmwesten überall zum Greifen klar, die Geschütze geladen, alle Schotten geschlossen, der Ausguck doppelt und dreifach besetzt. Was nützte das! Mehr und mehr arbeiteten diese verd...... Nerven, die ein englischer Seemann früher doch höchstens dem Namen nach kannte. Unter Deck getraute sich keiner mehr so recht, manchen Mann des Maschinenpersonals hielt nur die Angst vor dem Krummgeschlossenwerden in Heizraum und Bunkern. Ruhe? Kein Auge kannte sie, Übernächtig ging es wieder in den Ausguck, an die Arbeit, auf den Posten ... ohne Unterbrechung. Kannte doch der Feind keine Schonung, keine Erholung auch für sich selbst. Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnten irgendwoher, hinter einem Wellenberg die Granaten heranfegen, der furchtbare Schaumstreifen auftauchen. Und sah man ihn, dann war es zu spät ...
Nachts hieß es abgeblendet fahren, daß auch nicht der geringste Lichtschein nach außen drang. Jeden Augenblick stolperte man durch die Gänge und an Deck herum, bis dann endlich, endlich die englischen Vorpostenlinien achteraus lagen und es durch den Nordkanal in die Irische See ging. Tage! Jahre schien die Fahrt gedauert zu haben.
In Sicherheit!
Das Unterscheidungssignal flattert im Winde aus, als der White Star Liner querab von der Signalstation Isle of Man steht, und der Marconi funkt nach Liverpool die Zeit der Ankunft, um alles zum Einlaufen und Vertäuen klarzumachen.
Früh am Morgen war die Isle of Man passiert. Der Nachmittag ist bereits angebrochen, als vom Ausguck der Ruf ertönt: »Mersey Lotsenboot in Sicht.«
Schon von weitem an der ungewöhnlich hohen Stange des vorderen Mastes mit der gesetzlichen Lotsenflagge kenntlich, liegt das kleine weiße Fahrzeug eine halbe Stunde später längsseit des gestoppten Riesen, und der Lotse steigt an der Jakobsleiter an Deck und auf die Brücke, wo ihn der Kapitän mit einem erleichterten Aufatmen begrüßt. Hier droht sicherlich keine Gefahr mehr. Zwei Stunden noch und die »Cymric« liegt im Hafen von Liverpool. Was jetzt noch kommen kann, ist nur angenehm. Er sieht sich bereits im Kontor seiner Reederei, hört im Geiste anerkennende Worte und steckt schmunzelnd die weißen, so schön knisternden Pfundnoten ein. Wie weggeweht sind die furchtbaren Tage und Nächte. Der Erfolg allein ist geblieben. Fast zwei Millionen Pfund Sterling Wert hat er sicher herüber gebracht. Eine Woche nur, und seine Ladung fegt aus englischen Rohren gegen die deutschen Linien im Westen, hämmert sie zusammen, reißt klaffende Lücken, um freien Weg nach Deutschland zu schaffen.
Freilich, was der Lotse darüber zu berichten hat, ist nicht sehr tröstlich; umso wertvoller aber ist sein Verdienst. Stunden nur noch, und der Anker geht in den Grund, aus den geöffneten Ladeluks steigen in die längsseit festgemachten kleinen Dampfer die Kisten mit Gewehren und Geschützen, die Millionen von Patronen, die Granaten, die tödlichen Säuren. Und dann trommeln sie gegen die Hindenburglinie, auf die Siegfriedstellung, töten, zerreißen, schlagen den Siegesweg nach Straßburg, Mainz, Köln und weiter, weiter noch bis ... ein Ruck geht durch das ganze Schiff, daß der Kapitän aus seinen hochfliegenden Träumen, in denen er Old England triumphierend über die Wahlstatt im Westen schreiten sah, erwacht ... Schwärzlich gelb hebt sich am Bug eine ungeheure Rauchwolke, wächst mit wahnwitziger Schnelligkeit empor ... ein furchtbares Krachen ... das Vorschiff sinkt ... dumpfes Poltern ... die Ladung geht über ... Der Himmel scheint zu bersten ... greller Feuerschein jagt aus dem auseinanderklaffenden Vordeck ... ein brüllender Donnerschlag ... ein Vulkan, in dessen Flammenmeer Schornsteine, Brücke, Masten, zerfetzte Menschenleiber wirbeln ... kaum sechzig Sekunden ... dort, wo soeben noch der Dampfer »Cymric« dem nahen Heimathafen zujagte, rollt die leichtbewegte Irische See, zieht eine schwärzlichgelbe Rauchwolke über das Wasser ...
Im Fahrwasser zur Merseymündung ragt ein dünnes Rohr aus der Oberfläche hoch. Langsam pflügt es durch die See, aus deren kleinen Wellen der Widerschein der Sonne in unzähligen goldenen Spiegeln zittert. Vor einigen Stunden ist »U 310« aus seiner Fahrt von Deutschland hier angekommen, um sein geheimnisvolles Gewerbe als Minenleger vor dem größten an dieser Küste liegenden Hafen auszuüben.
Geraume Zeit schon beobachtet der Kommandant das Fahrwasser, um auch ganz sicher zu gehen, daß seine Minen an die richtige Stelle gelegt werden. Ein- und auslaufende kleinere Fahrzeuge gleiten vorbei, der Lotsendampfer – ein Bewachungsschiff ... Die Fahrstraße. Mit äußerster Kraft prescht aus der Merseymündung einer der neuesten Zerstörer der M-Klasse vorüber. Weißer Ölqualm stößt aus den vier Schornsteinen, mit nahezu dreißig Knoten Geschwindigkeit rast er, wenige Seemeilen entfernt, nach See zu. Flüchtig, kaum in Sicht gekommen, ist er auch schon wieder verschwunden. Hinter ihm stößt das Sehrohr, das wenige Minuten eingefahren worden war, durch die Oberfläche, dreht sich langsam, sucht, beobachtet.
Eine dicke Rauchwolke taucht im Nordwesten auf, bald darauf die Masten, dann der Rumpf eines mächtigen Ozeandampfers, dessen dunkle Masse sich scharf gegen den bläulichweißen Himmel abhebt. Ein Amerikafahrer! Hoch schäumt am Vorschiff die Bugwelle, zusehends kommt er näher. Der will nach Liverpool. Langsam zittert das graue schlanke Rohr über die gekräuselte See, stoppt im Fahrwasser. Lautlos gleitet eine Mine aus einer Röhre des Achterschiffes, eine zweite, eine dritte folgt. Nichts verrät an der Oberfläche, daß die unheimlichen Gäste da sind. Sie stoßen auf den Grund, lösen sich vom Minenstuhl, dem Anker, steigen bis auf wenige Meter unter dem Wasserspiegel hoch.