Wieder zittert das Sehrohr über die Oberfläche, bis es wenige Seemeilen querab hält. Näher und näher kommt der Dampfer heran ... hundert Meter ... fünfzig ... zehn ... schnurgerade auf die Mine los ... ein dumpfer Stoß trifft von außen heran, Sekunden darauf ein weit stärkerer zweiter ... Munition.

»Ausblasen!« Zischend strömt die Luft in die Tanks, preßt das Wasser heraus. Ein grauer Turm, ein Stück Vor- und Achterdeck tauchen hoch, der Lukdeckel wird aufgestoßen, drei Gestalten springen nacheinander heraus. Eine riesige Sprengwolke, durch die Luft wirbelnde Schiffsteile, die klatschend hundert Meter entfernt auf die See niederschlagen. Das hat gesessen! Ein schwer beladener Munitionsdampfer gleich durch die erste Mine restlos beseitigt.

Während die Nordwestbrise die Rauchmasse leicht vor sich hertreibt und sie langsam auseinanderzieht, schießen in rasender Fahrt von Land her kleinere Fahrzeuge herbei. Zerstörer! In wenigen Minuten müssen sie heran sein.

»Schnelltauchen!« Sekunden später schließt sich das Wasser über dem Turm, das eingefahrene Sehrohr verschwindet, und mit hoher Fahrt strebt »U 310« nach See zu.

Etwa drei Seemeilen mögen unter Wasser zurückgelegt sein, als es leise, wie aus weiter Ferne heranklingt. Stopp! Ausfahren ... Ein zweites Opfer. Bis zur Brücke ist das Vorschiff des ersten Zerstörers weggerissen, Weiße Dampfwolken strömen aus dem Maschinenoberlicht, Boote werden zu Wasser gelassen, während die übrigen Zerstörer in wilden Zickzackkursen um ihren schwer verletzten Kameraden herumhetzen. Bald hier, bald dort stoßen sie auf vermeintliche Sehrohre los, grelle Feuerblitze flammen in schneller Folge aus ihren Geschützen. Eine richtige Seeschlacht ist im Gange – gegen eine deutsche kleine, einsame U-Bootsmine!

Getaucht läuft »U 310« nach Nordwesten ab. Kurz vor Mitternacht wird die Isle of Man über Wasser passiert. Vor sechs Uhr morgens schimmert voraus durch die Dämmerung das Leuchtfeuer von Wall of Gallowar, eine Stunde später steht das U-Boot vor der Einfahrt nach Belfast. Vorsichtig nähert es sich dem vor der Einfahrt liegenden Feuerschiff, dessen Besatzung eben bei der Morgentoilette ist. Hier hat anscheinend niemand eine Ahnung von dem, was sich wenige Stunden früher vor Liverpool ereignete. Um so besser! An dem roten Fahrzeug gleitet »U 310« in kaum einer Seemeile Entfernung vorbei, bis dahin, wo die Fahrstraße sich zu verengern beginnt. Dann dreht es nach See zu. Wieder gleiten lautlos die Minen aus den Röhren, auch hier wird das Fahrwasser verseucht; nur zu bald zeigt sich der Erfolg. Ein hoch aus dem Wasser ragender Transportdampfer, der seine Ladung anscheinend in Belfast gelöscht hat, sackt in wenigen Minuten weg, nur ein Stück Schornstein und die Masten tauchen über der Oberfläche empor. Ein schwer zu beseitigendes Hindernis für die Schiffahrt.

Wenige hundert Meter hinter ihm folgt ein Dampfer der Northern Railway Company. Er sucht dem Kameraden, der vor ihm aus ganz unerklärlichen Gründen wegsackte, zu Hilfe zu kommen. Eben schickt er sich an, zur Rettung der auf ihn zuschwimmenden Leute zu stoppen, als er, quer zum Fahrwasser treibend, in der Nähe der Brücke gegen eine Mine stößt. Instinktiv fast reißt der Kapitän den Maschinentelegraphen auf volle Fahrt voraus und Minuten später stößt das Vorschiff auf eine an Steuerbord liegende Sandbank. Der Strom drückt das Achterschiff herum, auf den Sand, gerade zur rechten Zeit, um das Fahrzeug vor dem völligen Wegsacken zu bewahren.

Noch hat die Besatzung des Feuerschiffes die Lage nicht erfaßt, als an der der Unfallstelle abgekehrten Seite das Sehrohr des Tauchbootes vorbeihuscht. Kurs auf Liverpool, die Stätte des gestrigen Wirkens.

»German Submarines in the Irish Sea. Two ships sunk on Mersey road, two other near Bangor.« In regelmäßigen Abschnitten geben die Küstensignalstationen die Warnung aus, die an Bord von »U 310« schon längst erwartet wird. Vier Schiffe sind bereits erledigt, eine schöne Strecke für die ersten vierundzwanzig Stunden. Noch aber birgt das Innere eine ganze Anzahl weiterer Minen, denen eine kräftige Wirksamkeit zugedacht ist. Eine am späten Nachmittag aufgefangene Nachricht teilt mit, daß vor Liverpool Minen gefunden sind. Dort sind die Suchboote wohl schon emsig an der Arbeit, die zahlreichen Minen aufzufischen, die vorläufig allerdings erst in der Phantasie der Engländer existieren. Dem aber kann abgeholfen werden.

Eben, als die ersten Sonnenstrahlen aus dem grauen, über Land liegenden Dunste über die See huschen, steht »U 310« wieder vor der Merseymündung. Vierzehn Schiffe, die nach Liverpool hinein wollen, dampfen langsam im Kreise umher, umringt von sieben Zerstörern, die sie vor U-Bootsangriffen schützen sollen. In den Hafen können sie nicht, weil zwischen ihnen und dem Lande ja das »große deutsche Minenfeld« liegt. Gemütlich ist ihnen jedenfalls nicht zu Mute. Eine ganze Flotte von Fischdampfern mit ausgebrachten Minensuchgeräten treibt sich umher, um die Fahrstraße zu säubern. Grell leuchten zwei gestern noch nicht vorhandene rote Bojen an den Stellen, wo die beiden Schiffe versanken. Wieder andere Bojen sind ausgelegt, um das gesäuberte Gebiet zu bezeichnen. Den Minensuchern nach zieht »U 310«, dreht dicht hinter ihnen und wieder verläßt ein halbes Dutzend Minen, säuberlich in die freie Straße gelegt, im Ablaufen nach See zu das Boot.