Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten, auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.
Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen. Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub, die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen. Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte: „Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“
Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger, hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. — Das war es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als Hans Ebeling, der Türmer, der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „Nun lob, mein’ Seel’, den Herren,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter vorübergezogen war.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren ([5. Kap.])
Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten, hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du gesagt hast!“
Sechstes Kapitel.
Die Warnung.
Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide