Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

Ps. 147, 10. 11.

In Erlach hatte die Seinsheimische Herrschaft seit einem halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig, hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.

Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend, und als Veit Geißendörfer, der Torwart, ihm solches verwies, weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte, der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! — Der Torwart meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.

Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand, der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König Gustav Adolf von Schweden mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten, und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, — da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“

Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel, die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte, wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden. Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde nichts dawider haben, — er war aber mittlerweile weit weg an den Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich an sie, wie es seine Art war, — mit einem Male aber schaut ihm der eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: „Heißt Ihr nicht Franz Sorawitz, und habt unter dem Friedländer gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? — Das sollt Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein. Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.

Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte, welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der gesprochen hätte wie ein Mann! — Für was habt ihr denn Mauern und Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt? — Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen. Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!

Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre. In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon, um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die schlimmen Gäste zu erwarten.

Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein. Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.

Da kam von ungefähr Klaus Mündlein mit einem Karren Holz rechts den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war, und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger, was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.