Siebtes Kapitel.
Der Torwart.

Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,

Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,

So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,

Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.

Am 10. Sonntag post trinitatis anno 1632 hatte der Amtskeller nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf dem Speckfeld an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.

Unser hochbetagter Pfarrherr, M. Hieronymus Theodoricus, hatte am Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt, von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten, damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. Gesungen hatten wir: „Es ist gewißlich an der Zeit,“ und als ich die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie das Gesangbuch, — ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!“ Das ist ein lutherisch Dies irae, das kein Menschenkind sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.

Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die betrübte Zeit, kam Veit Geißendörfer, der Wächter auf dem untern Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit dem seligen Schenk Konrad von Limburg gegen den Erbfeind der Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen. — Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir dann fröhlich miteinander verplaudert.

Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen — und das war ein Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume verhielt es sich also:

Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen. Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt; alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt: „Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit werde einschlagen müssen.