Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen, doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat. So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit Joseph: ‚Träume kommen von Gott!‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm, und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl, vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr sterben.‘ Glaubest du das?“ — „Das glaube ich,“ sagte der Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und drüben singen auf dem Gottesacker:
Sein Trübsal, Jammer und Elend,
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebet doch.“
Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. — „Laßt Euch das nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott Euch und mir für den Streit auf Erden — ehrlichen Kampf und seligen Tod!“ — „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und ging von dannen.
Achtes Kapitel.
Der Überfall.
Sein Jammer, Trübsal und Elend
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,