Ist gestorben und lebet doch!

Am folgenden Tage feierte mein Kollege Johannes Fentsch drüben in Winterhausen seine silberne Hochzeit. Mein Johannes, den er aus der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden, um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde. Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.

Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich ging er damals mir zur Seite, als wir seinen Udalricus, sein einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice, Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo man sagen müsse: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!

Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte, blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, — über dem Tal aber und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu, das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.

In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen, sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem Hans Mündlein und seinem Sohn Klaus einen guten Morgen bieten wollte, die heute die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten. — Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam, fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.

Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert, was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, — siehe, da kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.

Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.

„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte, das Tor zuzumachen, — aber die beiden Kroaten waren auch schon da und mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.

Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier Nikol Paradeiser und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. — Der Alte ließ sich nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“ jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.

Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft, Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei, ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch, schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja, Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“ worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.