Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg nach Lindelbach liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der Veit schon auf ihn gewartet. — Ich führte ihn schnell nach Hause, fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die Soldaten vorbeijagen sehen, — der Valentin war nicht daheim, sondern eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen nach zum gräflichen Schlosse.

Neuntes Kapitel.
Die Plünderung.

Mit leichter Müh’ gewonnen — lustig nun zu Pferd.

Shakespeares Heinrich IV.

Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten. „Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht, wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ — Der Amtskeller bat um Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme: „Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er hätt’ es Euch auch getan!“ — „Herr Amtskeller,“ rief ich über das Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“

Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die Pferde und war im Nu wieder davon.

Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten, schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen, da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid, den alten Mann beschuldigt zu haben. — Es war aber offenbar, daß sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart, von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles dieses war ihnen nur zu gut gelungen.

Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte heftig ([10. Kap.])

Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit — Gott sei’s geklagt! — etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen, könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt, als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt. Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst müsse kein Gott im Himmel sein!