Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „Verrat“ lief es mir eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, — aber ich sah ihn nirgends.

Zehntes Kapitel.
Die Entdeckung.

Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,

Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz

Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.

Thompsons Jahreszeiten.

Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen, und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.

Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen, an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten, weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand, das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf seine schluchzende Mutter.

Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter, oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen, oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.