Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein Johannes zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die Stadt erreiche.

Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf. Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen heraus, und siehe! — mit einem Male stand über dem Tal ein schöner, glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte, mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge, wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ — „Wie Gott will, mein Kind, du meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.

Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm, daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.

Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, — aber ich sah nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war. Drin sah ich meinen Johannes liegen.

Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß er tot sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen, weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter und Geschwistern begraben sein wolle.

Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon erfahren hatten, — die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach. Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig geblieben waren unter dem großen Sterben.

Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will schreien zu dem Ewigen für und für!“

Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen lassen mit Trauern und Weinen, Gott aber wird euch mir wiedergeben mit Wonne und Freude ewiglich.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen Himmel und rief: „Schauet da hinauf, lieber Bruder, und nicht bloß da hinunter! ‚Deine Toten werden leben, spricht der Herr.‘“ — Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von demselben Meister bereitet ist.

Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen, und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen. Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin — freilich mit großer Schwachheit — dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte. So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem geneigten Leser hiehersetzen will.

Es ist zu viel!