Vierzehntes Kapitel.
Die Heimkehr.

Scheiden bringet Herzeleid,

Wiederkommen — Trost und Freud.

Altes Lied.

Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.

Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr, und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten, das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah, so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind, der ihn anfallen wollte.

Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein kleines Bündelein in seiner Hand.

Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der Valentin ist da!“

Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen, Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet vergeblich, — alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu Boden gesunken.