Ich öffnete die Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht ([14. Kap.])
Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch, in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger darauf deutete. Es waren die Worte: Vater, ich habe gesündiget in den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn heiße! Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden! — „In Gottes Namen,“ sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.
Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine Mutter?“ — „Sie ist tot!“ antwortete ich.
„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. — „Tot!“
„Und mein Brüderlein Johannes?“ — „Tot, mein Sohn!“
„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. — „Tot, auch tot!“
„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen, traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen: aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war schneeweiß.
„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von Hause weg bist?“
„Gut, mein Vater! — Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme heim mit heiler Seele. — Ich bin noch nicht daheim, aber ich komme heim — bald — sehr bald. — Das Haus bricht, darin meine Seele geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“
Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich: „Bist du krank, Valentin?“