„Sehr krank und sehr müde — ach, ich habe meinen letzten Weg auf dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir, daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt, — es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“

Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment, darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“

Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.

Fünfzehntes Kapitel.
Der Brief.

Wertheim, den 20. Mai 1639.

An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter
Margareta, eine geborene Späthin,
in Sommerhausen.

Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich: meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit mir sündigem Menschen!

Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! — Daß ich’s geworden bin in Euren Augen, ist also gekommen:

Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß, hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht hinausführen würde.

An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann, den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen, sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter, daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß, Bruder!“ — Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit ihm zusammentreffen.