Ich Gott befehl’
In meinen letzten Stunden:
O frommer Gott,
Sünd’, Höll’ und Tod
Hast du mir überwunden!“
Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob zugerichtet! — Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt, und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir kein nütze!“
„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht, einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“
„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon dagewesen, — aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“
Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen, aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt tiefer, viel tiefer graben! Womit Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren himmlischen Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt, wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht Psalm 51 und lautet: An dir allein hab ich gesündigt und Übel vor dir getan, auf daß du recht behaltest in deinen Worten! Das Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, — ich gönn Euch herzlich diese Freude, — aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat. Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer werten Wort, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.“
So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und dem Abgrund ewigen Jammers, — gerade da hat der Herr die Decke von meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten, der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!