Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.

»Kommst du, so gehört das Kleid dir.«

»Ich gehe.«

So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch die übrigen fanden sich. Man mußte nur von den vielen die passendsten drei auswählen. Die flachshaarige Marie Bari mit ihren veilchenblauen Augen, ihrer reizenden Taille; die stattliche, hohe Magdolna und die runde, üppige Agnes Pál mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve. Nie küßte Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.

Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags kam die Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit hübschen Glocken, bändergeschmückten Hörnern, es kamen die Pferde, fünfzig schlanke Fohlen, jedes mit einem silbernen Glöcklein. Auf die beiden Wagen setzten sich zu zweien die Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren Frauen, die »falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen Mänteln bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die Wagen. Im ersten Wagen saß der Oberrichter mit Franz Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai. Einer bringt die Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum Blumengärtner – so ist nun einmal die Politik. Gabriel Poroßnoki trug die Waffen in prächtigem Seidenfutteral. Der Sechste vom Stadthause, der kleine verwachsene Georg Imecs sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut türkisch und tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen Frauen reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben zu winken, die Kutscher treiben ihre Pferde an, die Czikose[8] schwingen ihre Peitschen und nun setzt sich der glänzende Zug unter Musikbegleitung in Bewegung, denn die Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig Silberglocken läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn nicht, im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die Städte, die Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der nur das Sinken des Himmelsgewölbes ein Ende macht, der graue Boden, aus dem die matte Herbstsonne buntfarbige Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine Gemarkung gleicht so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn sie von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame Tanya, ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am Ende der Ortschaften erscheinen die Windmühlen mit ihren ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich köstlich, wie einförmig auch die großen Städte Alfölds waren. Jede hatte ein Ding, womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem Kollegium, Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem Nikolausturm, auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische Hahn, der lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu sehen waren; jede Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes Nahrungsmittel aufzuweisen, Debreczin die Wurst, Kecskemét den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie entwickelten sich auch geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie in puncto des Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai, Szegedin seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.[9]

Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich im großen Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort zu ihrer Aufgabe sich stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt war. Die erste Rolle fiel dem »Schmiermenschen« zu, der sich von der »schmierenden« Frau[10] nur darin unterscheidet, daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett, sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, um dort zu argumentieren, daß die Audienz bewilligt werde. Der Padischah genehmigte, daß am Mittwoch die Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles Angesicht trete.

Fünftes Kapitel.

In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel an der Seite. Herr Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher, hübscher Jüngling. Er hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustände in Kecskemét so treu, so schön, daß die vier hinter ihm stehenden Senatoren in Thränen ausbrachen. (Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die Kecskeméter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen oder einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur so groß wäre, wie ein kleiner Finger, der sie fortab vor den Plünderern bewahre. Blos das Faktum, daß ein Mann des erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er den süßen Honig essen können und so weiter.

Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur Bey die Rede dem Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte und sehr gelangweilt zu Ende hörte. Im übrigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.

Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen Augen, wie wenn er sagen würde: »Die Rede haben wir nun gehört, nun lasset uns die Argumente sehen.« Diese folgten sofort.