Der Kranke schwieg eine Weile. „Und manchmal“, begann er wieder, „ist es nur die brennende Laterne eines verlassenen Hafens am Ufer des Flusses; sie schaukelt wie im Novemberwind, und schwimmt davon. Nichts kann innehalten und nichts verweilt. Nichts runzelt das Wasser und nichts ist oberhalb oder außerhalb seiner. Die Ewigkeit ist fürchterlich.“

Lhota blickte schweigend in das Wasser; Welle um Welle kehrte endlos zu dem Gestein unter seinen Füßen zurück und floß wieder ab in hartnäckigem Spiel, das ihn reizte und beschwichtigte.

„Oft erwache ich,“ redete der Kranke, „mit Schweiß bedeckt und zu Tode entsetzt; und da sage ich mir: Die Ewigkeit ist fürchterlich. Welle um Welle kommt, um am Stein zu zerbrechen; Stein um Stein wälzt sich hinab zu den Wellen, die ihn davontragen. Aber ich habe eine Fläche gesehen, die sich an nichts bricht und nicht zerbricht. Lichter und Schatten von Allem gleiten über sie hin. Berge wälzen sich fort und Bäume eilen von dannen; es schwimmen Städte und Felsen, ein Mädchen ringt vergeblich die Hände und Anfang und Ende der Welt gleitet vorbei wie eine Spiegelung. Eine Fläche, die niemals sich kräuselt und zu kräuseln vermag. Die nichts berührt und niemals berühren kann. Und wer hineinblickt, sieht immer nur bloße Reflexe der Dinge fliehen, der Wirklichkeit entledigt.“

Auf dem Damm gegenüber blieb ein Mann stehen und schaute eine Weile zu. „Also was,“ rief er endlich, „schnappen sie?“

„Sie schnappen nicht,“ erwiderte der Kranke lustig. „Ich sitze gern hier,“ sprach er wieder zu Lhota. „Wenn ein Blatt in das Wasser fällt, dann zittert das Wasser, und auch ich zittere, aber ohne Angst. Manchmal bei Sonnenuntergang, da denke ich an Gott. Die Ewigkeit ist fürchterlich.“

Lhota wendete sich fragend.

„Manchmal“, fuhr der Sieche fort, „sah ich ein so merkwürdiges Kräuseln auf dem Wasser, daß man nicht begreifen kann, woher es kommt. Manchmal bricht sich eine Welle und erglänzt schöner als die andern; und es sind auch Erscheinungen am Himmel — das geschieht sehr selten. Und da denke ich mir: warum könnte das nicht Gott sein? Vielleicht ist er gerade das Flüchtigste in der Welt; vielleicht ist auch seine Wirklichkeit ein jähes Brechen der Welle und ein Schimmer; unfaßbar, ausnahmsweise erscheint er, und vergeht —. Oft habe ich darüber nachgedacht; aber sehn Sie, ich habe einen so kleinen Horizont, durch Jahre kam ich nicht weiter als hierher. Es ist möglich, daß auch unter den Menschen ein solches Sichkräuseln oder Aufblitzen sich ereignet und wieder zerbricht. Es muß zerbrechen. Die echte Wirklichkeit muß mit dem Untergang bezahlt werden. Ach, die Sonne versinkt schon.“

Ein barfüßiges Mädchen stand schweigend hinter dem kranken Herrn. „Ja, gehen wir,“ sagte der Sieche. „Gute Nacht, Herr. Schauen Sie, jetzt, jetzt,“ zeigte er auf den Fluß. „Nie ist es zweimal dasselbe. Gute Nacht.“

Langsam und gleichgültig führte ihn das Mädchen nach Hause. Der Fluß war perlmutterlicht, wechselnd ohne Ende, und Lhota schaute leise schwindelnd dem hartnäckigen Spiel der Wellen zu.

DER WARTESAAL