„Was im Winter?“
„Nichts, die Träume. Im Winter kann ich nicht, und ich schlafe bei Tag und bei Nacht, ohne Rast, bis ich vor Müdigkeit nicht mehr schlafen kann. Aber im Sommer bin ich täglich da.“
Lhota blickte sinnend in das Wasser: Es strömte breit und unförmig dahin, rieb sich mit der unendlichen Flanke an dem Gestein; gewellt, gekräuselt, bewegt, daß ihm die Augen übergingen. Und es war schon kein fließender Fluß mehr; nur ein Rauschen, das nicht verharrt, sondern ohne Ende verläuft und entschwindet; ein Vorbei ohne Grenzen, ohn Ende Vergehen von Allem —
„Auch im Winter träume ich nur vom Wasser,“ sagte der Kranke. „Es ist der einzige Traum, den ich ganze Tage und Nächte und ganze Monate träume, nur dann unterbrochen, wenn ich aus dem Schlafe auffahre. Erst im Sommer vergeht er, wenn ich das wirkliche Wasser sehe.“
Lhota schloß in schwachem Schwindel die Augen. „Ich möchte nicht von strömendem Wasser träumen.“
„Nein, das strömt überhaupt nicht,“ sagte der Kranke. „Mir träumt nicht von wirklichem Wasser. Es ist das ein großer Fluß, der ohne Regung steht, und auf ihm schwimmen Reflexe. Sie eilen auf ihm dahin wie jene Blätter, welche von der Strömung mitgerissen werden.“
„Was für Reflexe?“
„Gespiegelte Dinge. Ufer, die sich in der Fläche reflektieren. Sie gleiten über das Wasser hin, rasch wie diese Wellen und kräuseln es nicht. Vielleicht kommen sie bis vom Gebirge her. Es sind große Bäume, die sich still und mit der Krone abwärts zu neigen, als hingen sie in einen grundlosen Himmel hinein. Auch der Himmel gleitet auf diesem reglosen Flusse mit Sonne und Wolken und Sternen dahin. Ich sah die Reflexe von Bergen und Dörfern am Flußufer mitsamt den Menschen dahinschwimmen. Ein andermal ist es ein weißes einsames Haus oder ein erleuchtetes Fenster.“
„Das ist ein absurder Traum,“ sagte Lhota.
„Ein furchtbarer. Manchmal segelt eine gespiegelte Stadt und Quais mit flammenden Lichtern. Auf der Fläche bebt das Laub der Bäume, als wehte der Wind, aber das Wasser kräuselt sich nicht. Ein Mädchen ringt die weißen Hände und wird weitergetragen. Und ich sehe in der Spiegelung, als stünde jemand am andern Ufer und wollte auf mich blicken oder mir ein Zeichen geben; aber das Bild auf dem Wasser entgleitet mitsamt der an die Augen gelegten Hand.“