Wie fremd ist diese schlafende Welt, die nicht spricht! Die nicht vor Schmerz aufschreit! Die nicht nach Erlösung ruft! Wenn jetzt der leiseste Klageruf sich erhübe, würde er nicht feurig nach ihm langen, würde er sich nicht an ihn lehnen wie an eine Säule, würde er ihn nicht erfassen wie ein im Dunkel entzündetes Licht ...
Andern willst du helfen, ertönte es spöttisch und klar in ihm, und kannst dir selber nicht helfen! Aber was, dachte Brož in schmerzlichem Erstaunen, ist dem wirklich so? Doch eher darum, ach, gerade darum, weil du dir selber nicht helfen kannst — wer sich zu helfen vermag, wird sich selber helfen; aber du, der du dir nicht helfen kannst, hier bist es nicht eben du ...
Brož blieb wie geschlagen stehen. Dir selber kannst du nicht helfen? Aber ist es denn wirklich so? Brauch ich überhaupt Hilfe ... von mir selbst oder von irgendwem? Ist mir so schlimm? Gott, das nicht! Ich lebe ja nach meinem Sinn und mehr will ich nicht. Nur meine Tage für mich allein zu verleben. Ich habe keine unerfüllten Wünsche. Vielleicht habe ich überhaupt keine Wünsche. Mir selbst kann ich nicht helfen ... Worin auch. Nie ist es mir in den Sinn gekommen. Bleibe alles, wie es ist: Tag um Tag, bis ins Unabsehbare.
Tag um Tag? Brož setzte sich auf einen Eckstein und blickte unbewegt in die Finsternis, als träumte er heimlich den unterbrochenen Traum zu Ende; oder als träumte er ihn Tag um Tag, Monat und Jahr, bis ins Unabsehbare. — Nichts mehr verändert sich; was sollte sich auch ändern? Die Ereignisse fliehen und die Jahre vergehen; aber Tag um Tag kehrt zurück, so als geschähe überhaupt nichts. Ein Tag ist vergangen: was liegt daran? Es wird ja derselbe Tag, derselbe Tag mir morgen kommen. Nur wenn die Zeit vergeht!
Und täglich kann ich mir sagen: Ich habe nichts verloren als einen Tag. Nichts mehr als einen Tag! Warum also diese Angst? Brož rieb sich hart die Stirn. Ich sollte mich fassen. Ich bin unausgeschlafen. Ich bin stehengeblieben, und die Tage sind um mich gewachsen wie Mauern; Tag um Tag haben sich glatt und schwer geschichtet wie Wände. Schon erwache ich allmählich: aber wird es ein neuer und niegewesener Tag sein, den ich ringsum finde? Oder ein Tag, zusammengesetzt aus tausend vergangenen — wie Mauern? Und sage ich mir wieder: das ist also wieder ein weiterer Tag unter tausend aufgerichteten — wie Mauern? Warum ist er geworden? gestern war doch nur um einen weniger! Stand es dafür, wegen dieses einen Tages zu erwachen?
Alle Schläfrigkeit fiel plötzlich von ihm ab. Das ist ja ein Kerker, begriff er entsetzt; so viele Jahre habe ich wie im Kerker gelebt! Weit tat er die Augen auf; ihm war, als erhellten sich traurig all diese Jahre: seltsam fremd, seltsamer bekannt; alles, nichts, Tage ohne Zahl ... Ach, ein Kerker, riß sich Brož los. Werde ich denn niemals erwachen in niegewesenem Tag? Warte ich denn nicht täglich darauf (— ach, Kerker!) und habe ich nicht vielleicht immer gewartet, begriff er plötzlich (— vergangene Jahre klärten sich auf), ach, bin ich eigentlich nur deshalb stehen geblieben, um den ungeahnten Tag zu erwarten?
Vergangene Jahre klärten sich auf. Sieh, Gott, flüsterte Brož, zum Himmel emporblickend, ich verschweige es dir nicht länger; ich habe auf deine Hilfe gewartet, auf eine wunderbare Erlösung; daß ein großes Ereignis geschähe, ein jähes Licht in den Ritzen, und nach heftigen Schlägen in die Tür eine starke Stimme geböte: Lazarus, steh auf! So viele Jahre habe ich die Stimme des Siegers erwartet; du kamst nicht, und ich verlasse mich nicht mehr darauf.
Aber wenn ich noch harre, so ist es auf Hilfe und Erlösung. Auf eine Stimme, die mich aus meinem Gefängnisse ruft. Vielleicht ist sie nicht so stark, sondern so schwach, daß ich sie mit der eigenen Stimme unterstützen muß. Vielleicht ist es keine gebietende, sondern eine flehende Stimme: Lazarus, steh auf, uns zu helfen!
— Dir selbst kannst du nicht helfen: wer wird dir helfen? Wer kommt dich befreien, der du es selbst nicht vermagst? Alles schläft in unbewußtem Frieden; kindlich piept der Schmerz auf des Schlafenden Lippen; ein knabenhafter Traum, etwas von einem Zug, ein flüchtiger Traum zeichnet sich an den Wänden des Gefängnisses ab. Aber unversehens kommt er — pocht an dein Fenster und ruft dich aus dem Traume der niegewesene Tag. Ob du ihn erkennst und unverschlafen aufspringst?
Vielleicht hast du ein Weltbeben erwartet: höre ein stilles, flehendes Rufen. Vielleicht kommt der Tag, den du erwartest, gar nicht wie ein Feiertag; nur ein Wochentag, Montag des Lebens, neuer Tag.