„Ich bitte Sie,“ sagte draußen eine zitternde Frauenstimme, „wenn Sie uns rasch zu Hilfe kämen!“
„Gehn Sie zum Teufel!“ erwiderte Brož wütend und wühlte den Kopf in die Kissen hinein. Nur den zerrissenen Faden des Traums einzufangen! den Schlummer eben dort wieder anzuknüpfen, wo er unterbrochen worden! Ein Zug, etwas von einem Zug, zwang sich Brož; und plötzlich fiel ihm peinlich klar ein: Ich hätte fragen sollen, was ihnen geschehn ist!
Er sprang aus dem Bett und lief das Fenster öffnen. Kühl, schwarz wehte die öde Nacht herein. „Wer ist da?“ rief er, aber nichts antwortete. Da schüttelte ihn die Kälte, und er ging sich legen; in den Federbetten fand er seine eigene trockene Wärme wieder und genoß sie gierig und unbegrenzt; wieder sanken ihm die Lider und die Glieder lockerten sich zu einem Komma. Ach, schlafen!
Mit weit geöffneten Augen schaute Brož in die Finsternis. Wer das wohl gewesen war? Niemand in diesem Dorf hier kümmert sich um mich. Wer hat bei mir Hilfe gesucht? Es war eine Frauenstimme. Es war eine unsäglich schmerzliche Stimme. Vielleicht ging es ums Leben. Übrigens, ich bin kein Arzt. Aber vielleicht ging es ums Leben.
Zerquält wandte sich Brož dem Fenster zu. Es zeichnete sich wie ein kaltblaues Rechteck in der schwarzen, raumlosen Dunkelheit ab. Nirgends brennt es. Es ist still, nur die Uhr zu Häupten tickt spitzig. Was ist nur geschehn? Was für ein Unglück? Vielleicht ist es in der Nachbarschaft; jemand stirbt; irgendwo wird ratlos mit dem schweren Augenblick gekämpft. Ich bin schließlich kein Arzt.
Aber das Bett knarrt und brennt ermüdend. Brož setzte sich im Bette auf und nahm gewohnheitsmäßig die Brille. Wodurch vermöchte ich überhaupt, überlegte er, zu helfen? Wie nur zu nützen? Verstehe ich mich denn auf etwas Hilfreiches? Gott, nicht einmal raten, nicht einmal trösten; nicht einmal mit Worten vermöchte ich einen Teil der Last von irgend jemandem zu nehmen; nicht einmal durch Anteilnahme jemand zu stützen. Ich will ja selber nichts, als Ruhe haben; als mich der andern zu entledigen. Was mag da geschehen sein?
Indem fiel es ihm ein, die Lampe zu entzünden. Vielleicht bemerken sie, daß ich leuchte, sagte er sich, und kommen abermals. Ich werde leuchten wie ein Leuchtturm. Kommen sie, so frage ich, was geschehn ist; wenigstens erkenne ich, daß ich wirklich nicht habe helfen können. — Im voraus getröstet bettete sich Brož die Polster hinter den Rücken; gespannt lauerte er, daß das Pförtchen knarren und dieselbe Frauenstimme hinterm Fenster bitten werde. Aber der tickende Gang der Uhr quälte ihn. Vergeblich bemühte er sich, sie zum Stehen zu bringen. Es war drei Uhr. Auf einmal schnürte ihm ein häßliches Gewicht von Unruhe und Erregung die Brust zusammen. Niemand kam.
Zögernd und hastig begann sich Brož anzukleiden. Sicherlich, sagte er sich, werden sie dort leuchten, wo etwas geschehen ist, und ich werde ans Fenster pochen. Sowieso würde ich nicht mehr schlafen. Ich werde dort nichts nützen, aber — vielleicht sind sie so ratlos — Brož verwirrte sich in der Hast und verfluchte leise die Schuhbänder; schließlich gelang ihm ein ungewöhnlicher Knoten, und er lief vor das Haus hinaus.
Es war schwarz, durchaus schwarz. Brož begab sich die Gasse hinab und suchte ein erleuchtetes Fenster; nie zuvor hatte er ein so bis ins Bewußtlose entschlummertes Dorf gesehen, so fremd allem Wachenden, so fremd — nirgends waren klagende Nachtlampen, nirgends ein Lichtstreifen hinter den Fensterscheiben. Entsetzt hielt er inne vor der Kapelle: in den Fenstern zitterte und irrte das matte Licht einer Flamme. Die ewige Lampe, begriff er nach einer Weile und ging weiter; aber nirgends war beleuchtet; überall dunkel, nur etwas Blässe, von den Wänden ausgeschwitzt —.
Leise kehrte Brož zurück und lauschte vor den stummen Häuschen. Wird drinnen kein Jammern ertönen, wird nicht stille Ohnmacht erbeben? Wird keine Frauenstimme weinen? Bebend sondierte Brož die verschlossenen Räume des Schweigens; nichts, kein dichter Atem, nichts — fliegt nicht aus der Weite der Nacht, aus irgendeiner Ferne, von irgendeiner Seite der Welt ein herzzerreißender Schrei um Hilfe heran?