„Die Bürger ernähren sich größtentheils vom Ackerbau. Fast jeder wohlhabende Bürger hat eigen Feld; doch nur wenige haben eigene Pferde und Ackergeräthe. Sie lassen vielmehr von Bauern aus den benachbarten Ortschaften entweder für Geld oder gegen die Hälfte des Ertrages den Acker bearbeiten.

„Ein anderer Nahrungszweig ist die Viehzucht. Jeder Bürger, er sei vornehm oder gering, hat eine oder mehrere Kühe; die ärmsten haben wenigstens eine Ziege. Da die Bürger im Sommer auf der Vöde frei Vieh treiben können, so ist ihnen das Vieh wohlfeil zu halten. Im Jahre 1719 war der ganze Viehstand in der Stadt 24 Pferde, 402 Kühe und 2 Ziegen. Nach der Zeit hat der Viehstand abgenommen, denn jetzt (1789) sind nur vorhanden 287 Stück Rindvieh, aber 42 Ziegen und 27 Pferde. Schafe werden gar nicht gehalten.

„Auch das Kohlenbergwerk nährt manchen Bürger. Einige haben an den Bergwerken selbst Antheil, Andere arbeiten an denselben, Andere fahren auf Sturzkarren, Schiebkarren, Schleppen und Tragkörben Kohlen zum Verkauf in die Stadt oder holen dieselben für andere Leute.

„Die Classe der vornehmen Leute besteht aus königlichen Beamten, Geistlichen, Gelehrten, Kaufleuten, Künstlern und Handwerkern. Die übrigen geringeren Bürger sind Tagelöhner, welche sich mit Dreschen, Steinbrechen, Holzhauen, Futterschneiden u. dgl., so wie durch Hilfe beim Ackerbau, Branntweinbrennen, Brauen und sonstigen wirthschaftlichen Arbeiten ernähren.

„Als im Jahre 1753 die Grafschaft Mark in Landgerichte bestellt wurde, erhielt auch Bochum ein solches (1878 leider nicht. D. V.) und wurden dazu 1 Landrichter, 2 Assessoren, von denen der jüngste zugleich das Amt eines Actuars mit verwalten muß, nebst einem Gerichtsschreiber angeordnet. Zu diesem Landgerichte gehört nicht allein das Amt Bochum, sondern auch das Amt Hattingen und Blankenstein. Das Landgericht hat zur Vollziehung der Befehle zwei Gerichtsdiener. Die Sitzungen werden in einem Zimmer des Rathhauses abgehalten.

„Es geht zur Zeit (1789) hier noch kein Postwagen, wol aber kommt von Cleve über Duisburg die reitende Post Donnerstags und Sonntags hier an, und des Mittwochs und Sonnabends eine Fußpost von Lünen, welche desselben Tages wieder abgeht. An eben den Tagen kommt ein Postbote von Essen, geht hier durch nach Dortmund, und kehrt des anderen Tages zurück. Nach Hattingen geht auch ein Postbote Mittwochs und Sonnabends; außerdem sind noch besondere Postboten zur Ueberbringung etwaiger Briefe an die nahegelegenen Dörfer.“

Es waren demnach die philisterhaften Verhältnisse eines kleinen Landstädtchens, in welche der geistig und körperlich rege junge Arzt hineingezwängt war; aus ihnen ist die Jobsiade hervorgewachsen und aus dem Mangel an geistiger Anregung, den der reich angelegte und rastlos thätige Dichter doppelt fühlen mochte, erklärt sich die Entstehung und mancher Zug der Jobsiade. Der kleine Gesichtskreis genügte seinem regen Geiste nicht, und da er die kleinlichen Verhältnisse nicht ändern konnte, machte er sich in Wort und Schrift darüber lustig. Ferner erklärt sich hieraus, abgesehen von der natürlichen Anlage, seine ungemeine Vielseitigkeit und seine große schriftstellerische Fruchtbarkeit.

Mochte Bochum, welches bei der Volkszählung am 1. Dezember 1875 eine ortsanwesende Bevölkerung von 28,562 Seelen hatte, zur Zeit der Entstehung der Jobsiade aber auch nur kaum anderthalb tausend Seelen zählen: das alte Bochum brachte noch Originale hervor, kernige, gesunde, zufriedene Menschen, die sich als Bürger eines Gemeinwesens fühlten, sich bestens vertrugen, und mit allerhand lustigen Streichen und Einfällen aufzogen. Die leichtlebige und vergeßliche Gegenwart hat kaum noch eine Ahnung davon, welch’ originelle Menschen die Väter und Großväter der jetzigen Generation oft gewesen; nur mancher gute Einfall, manche gelungene Fopperei, mancher köstliche Eulenspiegelstreich klingt noch in die Jetztzeit hinüber. Und von diesem gesunden Sinne, dieser biederen Derbheit und urwüchsigen Originalität, vor Allem aber von dem grobkörnigen Humor des alten Bochums trägt die Jobsiade auch gar manchen Zug.

Unter rastloser Thätigkeit als Arzt und Schriftsteller verlebte Kortum in Bochum in Wohlstand und Ansehen seine Tage, umringt von Kindern, Enkeln und Urenkeln. Allerdings war sein Familienglück nicht ungetrübt; drei geliebte Kinder sanken vor ihm in das Grab, und der 1807 erfolgte Tod seines Sohnes, auf den er so große Hoffnungen gesetzt hatte und der ihm bereits nach glänzenden Studien als Gehilfe in seinem Berufe zur Seite stand, brach seine Lebensfreudigkeit und machte den sonst so heiteren Mann mürrisch, verschlossen und bitter. Von diesem Sohne, der als zweiter Bergarzt unter seinem Vater wirkte, stammt das im zweiten Theile, Kap. 32, Vers 10 erwähnte „Gesundheitsbüchlein für Bergleute.“ Bei Gelegenheit seines 50jährigen Doctorjubiläums im Jahre 1816 erhielt er vom Könige Friedrich Wilhelm III. den Titel „Königlicher Hofrath“; im Jahre 1818 feierte er seine goldene Hochzeit und im Jahre 1820 im engen Freundeskreise die Erinnerung an seine 50jährige ärztliche Wirksamkeit in Bochum. Gebeugt von der Last seiner Jahre, lebensmüde und verbittert starb er, im 80. Lebensjahre stehend, am 15. August 1824, wie es scheint, nach schmerzlichem Krankenlager. Darauf deutet wenigstens auf seinem Grabmonumente der Satz: „Non mihi mors gravis est — posituro morte dolorem,“ zu deutsch: „Der Tod wird mir nicht schwer, der ich durch den Tod den Schmerz ablege.“ Ihn überlebten seine Gattin, seine Tochter, sieben Enkel und zehn Urenkel. Noch jetzt leben Nachkommen von ihm in Bochum.

Was seinen Ruhm begründet hatte und in gesunden Tagen sein Glück gewesen war, seine Ader zu Witz und Humor, wurde ihm in den letzten Jahren seines Lebens zum Fluche. Er war ein strebsamer, tüchtiger Student gewesen und als junger Arzt gesucht und berühmt; er hatte sich zeitlebens bemüht, auf der Höhe seiner Wissenschaft zu bleiben, aber die Arzneikunde war gegen Ende des vorigen und namentlich im ersten Viertel dieses Jahrhunderts mit Riesenschritten vorwärts gegangen, und ehe er es sich versah, war er zurückgeblieben und wurde von jüngeren Kräften überflügelt. Der immer sichtlicher hervortretende Mangel an Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit kränkte und verbitterte ihn und untergrub seine Berufsfreudigkeit und Heiterkeit. Aus dem Jüngling, der sich über Alles lustig machte, war ein Greis geworden, der sich über Alles ärgerte, und ein Convolut von hinterlassenen Papieren geschäftlicher Art, welches die Bochumer Gymnasialbibliothek aufbewahrt, zeigt keine Spur von dem Charakter und lachenden Humor, den man bei dem Dichter der Jobsiade voraussetzen sollte. Er hielt alle Menschen für undankbar und falsch, erblickte überall hämische Gegner und bösartige Feinde, verkannte die Liebe und Achtung, die ihm von Angehörigen und Fremden reichlich bezeugt wurde, und war in seiner bissigen Laune sich selbst zur Qual und Anderen zur Last geworden. Gewiß fiel ihm daher der Tod nicht schwer, der ihn dem Lebensüberdruß und der Selbstqual entrückte.