Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den Oberforstverwalter an.
Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus gekommen.“
Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.
„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“
Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht begreifen. Von dieser Stunde – sie hat mir’s oft gesagt – ist in ihr etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.
Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der Oberforstverwalter draußen war, auf mich zustürzte, mich umschlang und mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die geringste Schuld! O Gott!“
Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.
Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald wohl fühlten.
Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus; doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.