Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.

Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.

Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des Vaters zu räumen hätte.

Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich, hören Sie mich doch zu Ende. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“

Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.

„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon bei der Leiche so gut zu mir!“

„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri, die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“

Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine Mutter gespannt aufhorchen.

„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn getroffen.“