„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“

Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt wurde.

„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu, „aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen. Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns haben!“

Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.

II.

Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu ihnen führt.

Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan. Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.

Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut in Nähe und Ferne. In schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein, weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht und schön, göttlich schön.

Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.