Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.
Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der üblichen Totenwacht eingefunden hatten.
Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes, Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges, das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten, die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten, nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie die der Kirche, wo der liebe Gott in dem goldenen Tabernakel wohnt. Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die Knie beugten.
In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.
Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien, kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.
Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber sanft abwehrte.
Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der Heinerle, gelt?“
„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen kämpfend.
„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die Hand!“