Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden, Amen.“

Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so, daß ich aufs neue zu weinen anhub.

Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.

„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“

So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und hielt uns auseinander.

Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst, Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich, das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“

Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.

Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte, denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah, sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit Ruhe lassen.“