Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater haben s’ erschossen.“
Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben erwacht.
Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für ihn beten, Heinerle!“
Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen. Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes, erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.
Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat, er wird’s auch wieder recht machen.“
Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“
Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.
Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie, „wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz machen; weißt, er schaut jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“
Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn, rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu, während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.
Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein und nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf. Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen Vater das Totenglöcklein.