Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinen spiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken, weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze.

Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden, da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten.

Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft gefangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem primitiven Dache gedeckter Rauchfang.

Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft, die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden. Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen.

Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwas lichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend über mächtige Felsklötze stürzend.

Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen. Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden.

Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern; ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen.

Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts dirigiert, um jener die Flanken zu decken.

Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken.

Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahnsinnig und auch unsinnig dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still, stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand.