Deine Marie.

Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr ein paar Wochen.

Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete, bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern einrennen müssen.

Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein.

„Weißt das neueste?“ rief er mir zu.

Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen können!

„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“

Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber bald wurde ich eines besseren belehrt.

Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt. Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden.