Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben. In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt war. Wie die Tränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich nicht getraute.
So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie sich an Marie das Schicksal erfüllte.
Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir, daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen. Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe.
Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum Gefängnisrapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den ganzen Sachverhalt zu erzählen.
Und der Mann dachte menschlich.
„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen, vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“
Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male.
Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete:
Lieber Heini!
Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er, sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini, schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten. Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.