Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen.

Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“

„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keine Privatbriefe!“ donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“

In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“

„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich in meiner Faust zusammenknitterte.

Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu haben Sie kein Recht!“

Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies. Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt, nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikulierten Schrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen.

Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz seines Säbels umgebracht.

Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung gezogen worden.

Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder Muskel nach Betätigung schreit.