Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge anschickt.

Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen solle. Warum, das wußte mir niemand zu sagen, daß es aber so sei, das schien stadtbekannt zu sein.

Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe, aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie vorübergegangen sei.

Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen sein.

Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden hatte.

Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl.

Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit.

Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich sehnsüchtigen Gedanken hin.

Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie da?“