„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer weiß, will er?“

Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz aufschwoll und mit gesenktem Haupt – sie anzublicken wagte ich nicht, denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen – sagte ich: „Ich geh mit dem Marieli!“

Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.

„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein Machtwort sprechen.

Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche lassen will.“

„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich zum Wagen führen.

Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender. Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob – ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei, meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel jubelndes Glück drinnen, daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.

Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in der Stimme: „Heini!“

Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz: „Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“