Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen. Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer für sich selbst.
Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem Menschen mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören. Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!
Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der Notwendigkeit zu entziehen.
Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen! Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück liegt doch so nahe!
Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.
Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die jemals in mein Leben getreten sind!
Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.
Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen Fäden, und wenn ich Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.
Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.
Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.