Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.
In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein kann.“
Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein zarter Sonnenstrahl leuchtete es in denselben auf, als sie sprach: „Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also gib mir die Hand darauf.“
Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.
Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.
Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.
Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen Sänger. Und da wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender Sommertage.
Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages. Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit. Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und kann tot sein, was neues Leben schafft?
Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und eine starke Faust hätte ihn nun plötzlich weggerissen. Eine Segensflut heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben. Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze, so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.
So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.