Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte: „Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist für mich das Wichtigste.“

„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch einmal aufgeweckt würde.“

Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“

Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.

In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich: „Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts schuldig.“

Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir nichts mehr dran, und du willst dich selbst auch schlecht machen. Heini, das darfst du nimmer sagen!“

Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst, als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir nichts mehr.“

Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“

„Auch du nicht.“