Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.
Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.
Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“
Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe, Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.
Es herrschte eine Weile Stille.
Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat bist du frei?“
Ich nickte und sah sie fragend an.
Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini, ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“
Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte, ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders, bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“