Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte, unerbittliche Notwendigkeit.
Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“
Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“
Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist Kraft.“
Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.
Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.
Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst, so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.
Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines stand fest in mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein Leitstern sein.
Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß, die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war, Aufseher über den Holzplatz werden.
Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.