In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich getan.
Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen, fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher darausgekommen.
Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also, ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.
XV.
Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter will nicht kommen.
Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises Piepsen laut, die Rehe und Hirsche ziehen langsam zum See und scheinen wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den Hochwald zurück.
Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen, ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s, als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß durchbebt.
Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur entfremdet hat.
Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte unverstandene Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten durch die traumstille Seele huscht.
Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.