Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach Ruhe.“
Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten. Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen?
„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird, aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“
Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“
Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung. Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und ahnte.
Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei, die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und sie war es auch gewesen, die dann auf die Heirat mit dem Oberleutnant von Steindl gedrängt hatte.
„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen, Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“
„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein.
„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem Vater sagen zu können.
Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen, und als er als schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen. Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet, als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“