Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie nicht und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst, längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen Menschen verantwortlich machen.“

Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt.

Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es mir: „Aber Heri!“

Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“

Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen hat.“

Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und wir wollen sie genießen, solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“

Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast. In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan? Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer, sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen!


Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat. Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte.

Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt.