Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der Höhe, auf der z. B. Heris Vater stand! Ich hatte durch den Verkehr im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt, deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen, einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte teilnehmen lassen sollen.
Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben, wie es mein Vater geführt hatte, hatte seinen Reiz und sein Glück, aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.
Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein, das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen, studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.
Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht, wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte Bitte wollte ich nicht tun.
Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch, der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache und Wirkung tritt.
Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen, in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“
Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte: „Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre nicht mehr beisammen sein sollen?“
Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen Augenblick stillstehen.
„Du – du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.