„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.

Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen wir das erstere.“

Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde, die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte, es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir, seinem einzigen Freunde!

Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht, meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?

Ich lief wie irrsinnig nach Hause.

Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm, auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.

Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:

Mein lieber Heini!

Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe das in aller Eile, verzeih also die Kürze.