Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.
Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu ihm kam, hatte er auch schon etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe, das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur Vorlage gewählt.
„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.
Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben. Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im Ausdruck dieses Gesichtes.
Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.
„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.
Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich ganz kühl kritisch und erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten erlaubt.“
„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der Seele.“
Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir einschlummerte.
Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte, sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte. Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“